Ein Bild der Leidenschaft

Edgar Leissing nennt seine Ausstellung Fernsehbilder. Dieser Titel ist ebenso banal wie universal. Wie eben das Fernsehen banal und universal in einem ist. Mit neun Fernsehprogrammen und einem Videorecorder lässt sich die Realität beinahe ersatzlos streichen. Die Welt, in Millionen Einzelpunkten zerlegt, mischt sich in unser Inneres. Für Essen und Trinken sorgt TV-Dinner. Fast alles ist heute suchterzeugend. Überraschend dabei ist, daß die Fernsehsucht im Gegennsatz zum Rauschgift etwa kein eigentliches Objekt hat. Der Fernsehsucht ist alles Objekt, alles, was Wünsche erfüllt und sie nicht befriedigt. Denn die Befriedigung der Wünsche kann uns angesichts der Überfülle an Angebotenem nichts mehr bedeuten. Allein, der Wunsch will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit. Da nun das Fernsehen mir die ganze Welt präsentiert - ein Zustand, für den Philosophen der Vergangenheit ihr Leben gegeben hätten -, was können Wünsche an die ganze Welt meinen? Doch nur, daß diese Welt noch irgendetwas für mich bedeute.

Der Wunsch nach Bedeutung ist suchterzeugend. Es war mein erster Eindruck von Leissings Bilder. Er malt die Sucht. Die Sucht, die kein Objekt ihrer Befriedigung kennt. Eine leidenschaftslose Sucht, leidenschaftlich gemalt. Um wen geht es eigentlich in diesen Bildern mehr - um die dargestellten Menschen oder um jene, die das Dargestellte betrachten? Welches sind die Süchtigen? Betrachten sie die Bilder von Edgar Leissing und sie werden wissen: Ein Bild braucht der Mensch. Wo die Wirklichkeit über ihr Befinden Auskunft gibt, genügt ein Bild. Wo sie so tut als ob, reichen Millionen Bilder nicht aus. In unseren Wohnzimmern existiert eine zweite Welt, eine totale Welt, die sich anders wie die wirkliche Welt unserem Zugriff dadurch entzieht, daß sie immer und immer vollständig und immer ohne Rätsel anwesend ist. Auch dann noch, wenn wir gehen. So objektiv ist sie, daß sie den Menschen nicht braucht. Es ist bezeichnend, daß die Brüder Skladonowsky in ihrem ersten Film nicht den Menschen in Bewegung zeigten, sondern ein Känguruh, ein boxendes Känguruh.

Die Leidenschaft hat nur zwei Hände. Aber wie geht Leidenschaft? Die zarten Züge des Kindes im Gesicht, auf den Knien malt er, damit er den Fürsten des Lichts, die über seine Schultern aus dem Diaprojektor fließen, ausweichen kann; sie sollen nicht ihn, sie sollen die Leinwand treffen. So greift der Maler Edgar Leissing in den Sand, hebt ihn auf, als wäre er unspaltbar.

Michael Köhlmeier, 1988








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