BregenzerlebenBleistiftbotaniker

Ich spinne, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt, sagte die Königstochter, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand und lag in einem tiefen Schlaf … Was seit gut 200 Jahren Teil unseres kollektiven Gedächtnisses ist, ist bei Edgar Leissing künstlerisches Kalkül. Zeitstillstand und Aggregation. Er führt uns Destillate vor, die von ätherischer Leichtigkeit sind.

Sein Werk vermittelt Fermaten, Pausen, sie scheinen die Zeit stillstehen zu las-sen. Sie zeigen, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise Auswege aus der Hektik des rigorosen und unerbittlichen Konsums, und tragen in einem für mich großen Maße zur Entschleunigung der Welt bei. Sie lassen ausschwingen, befreien genüsslich von alten und neuen Mythen und vermitteln ein nahezu unbeschreibliches Zeitgefühl – „geronnene Zeit“. Mit der spielerischen Selbstvergessenheit eines Kindes und, mit einem unbestechlichen Gespür für Farben und Formen ausgestattet, setzt er in die Monochromie seiner Zeichnungen Dahlien, Glyzinien, Gelbholz, Herz- und Ballonblumen, Funkie, Irisblüten, Feuerblumen, Oleander und Lasursterne. Einer lebensrettenden Infusion gleich, versorgt und bestückt er die Figuren seiner Begierde mit den schillerndsten Blüten- und Blumenmotiven.

Er ist ein Jäger der verlorenen Bilder, dessen Jagd nach dem absolut letzten Bild nahezu eine Lebensmaxime darstellt. Ein Bilderjunkie auf dem Weg nach Hause. Ein Foto-Aficionado, der keine Mühen für das Bild hinter dem finalen Bild scheut. Doch Esche, wie er von aller Welt genannt wird, trägt seine Figuren behutsam aus der hilflosen Anonymität der Öffentlichkeit in eine anonyme Intimität, in die des Betrachters. Es wird zu einem Fest des Augenblicks ohne das Wissen um Gestern und ohne das Versprechen von morgen. Der Rezipient erfährt darin den Reiz der Plötzlichkeit und der anonymen Intimität: der andere, das andere, ist lediglich da, nicht anwesend. Das Phänomen der abwesenden Anwesenheit.

Esche Leissing hält in seinen Arbeiten die Zeit an, und keine seiner gemalten und gezeichneten Figuren wird um den Ruhepunkt im Lauf der Geschichte jemals wissen. Aber was kann es schöneres geben, als auf einer Blauregenmatratze (Anmerkung lat. Wisteria; die Wisteria Lane ist jene Straße, in der die Desperate Housewives beheimatet sind), gedankenverloren auf dem See dahinzutreiben, sich von den sanften Wellen schaukeln zu lassen, die blankgescheuerte Kuppel des Himmels über sich und die Stadt Bregenz hinter sich zu wissen.

Thomas Schiretz, 19.4.2011

BregenzlifePencilbotanist

I am spinning answered the old lady and nodded her head. What kind of thing is that, that gambols so amusingly asked the girls and she took it, wanting also to spin. She had barely touched the spindle, however, when the spell came true and she pricked her finger. The very moment she felt the prick, she dropped onto the bed that was there and fell into a deep sleep...

What has been part of our collective memory for a good 200 years is artistic calculus for Edgar Leissing. He shows us spirits of ethereal lightness.

His work conveys pauses, breaks that seem to make time stand still. They show, albeit in very different ways, escape routes from the hustle and bustle of rigorous and unrelenting consumption and provide a huge contribution to the deceleration of the world. They allow you to swing, free you from old and new myths and provide an almost indescribable sense of time – “frozen time”. With the playful abandon of a child and with an unerring sense of colour and form, he sets dahlias, wisteria, yellow wood, heart flowers and Chinese bellflowers, plaintain lilies,irises, fire lilies, oleander and clematis in the monochrome of his drawings. An immediate life-saving infusion, he provides and equips the characters of his desire with the most dazzling flowers and floral motifs. He is a hunter of lost images, and the hunt for the very last image is very close to a life motto.

A picture junkie on his way home. A photo aficionado who spares no effort for the image behind the final picture. But Esche, as he is known by the outside world, lifts his figures carefully out of the helpless anonymity of the public into an anonymous intimacy, namely that of the viewer. A celebration of the moment begins without the knowledge of yesterday or the promise of tomorrow. The viewer experiences the charm of the suddenness and anonymous intimacy: the other, the other thing is merely there, not present. The phenomenon of an absent presence.

Esche Leissing brings time to a standstill in his work, and none of his figures will ever know about the still moment in the course of history. But what can be more beautiful than to drift along on a mattress of wisteria, being lost in your thoughts, being swayed by soft waves, knowing that the cascading dome of the sky is over your head and the town of Bregenz is just behind you.

Thomas Schiretz, 19.4.2011








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