Das Gewicht eines Sperlings

Es gibt eine sehr alte Geschichte, die besagt, dass es im Himmel (um genau zu sein im „Siebten Himmel“) eine „Halle der Seelen“ gibt. Diese Halle wird im rabbinischen Schrifttum als „Goch“ oder „Guf“ bezeichnet, hebräisch für „Körper“, gelegentlich aber auch als „Otzar“, was soviel wie Schatzhaus bedeutet. Einer anderen jüdischen Überlieferung zufolge wird vom „Goch“ auch als von einem Kolumbarium (Taubenschlag) gesprochen. In dieser Halle sollen sich all jene Seelen der Menschen befinden, die noch geboren werden. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass Gott alle Menschenseelen auf einmal erschaffen hat. Die Seelen werden im „Goch“ aufbewahrt und vereinigen sich nach und nach mit den Körpern. Immer wenn ein Kind geboren wird, erhält es von dort seine Seele. Der Talmud erzählt uns, dass es die Sperlinge (Spatzen) sind, die den Neugeborenen aus der Halle „Goch“ ihre Seele bringen. Und wenn die Seele die Halle verlässt und auf die Erde kommt, so können diese Seelen wiederum nur die Sperlinge sehen, und dann, so heißt es, singen sie! Jedes Mal wenn ein Kind geboren wird, hört man irgendwo auf der Erde einen Sperling singen. Die Sperlinge hören erst auf zu singen, wenn keine einzige Seele mehr im „Goch“ ist, wenn irgendwann, aus welchem Grund auch immer, die Halle der Seelen leer ist und alle Seelen „aufgebraucht“ sind. Dann würden die Menschen die Mutter Erde so geschändet haben, dass die Mutter ihre Kinder von dannen jagt. Ein apokalyptisches Szenario im Vergleich zu der wunderschönen ätiologischen Geschichte mit der „Halle der Seelen“ (zur Erinnerung: Vögel fielen tot vom Himmel, als am 10. Juli 1976 im norditalienischen Seveso „nur“ zwei Kilogramm hochgiftiges Dioxin aus einer Chemiefabrik entwich. Ganz zu schweigen von dem Tankerunglück der Exxon Valdez, bei dem hundert tausen - de Vögel und Fische verendeten und die Atomkatastrophe in Tschernobyl). Es gibt in den Collationes (Gesprächen) des Johannes Cassianus, ein Mönch und sogenannter „Wüstenvater“, Abt und Schriftsteller, der im 4. Jh.n. Chr. gelebt hat, eine reizende Legende. Er beschreibt darin, wie der alternde Apostel und Evangelist Johannes auf der Insel Patmos – die Kirche schreibt diesem das Buch der Offenbarung, die Apokalypse, zu – mit einem Rebhuhn spielte, und darüber in einer karolingischen Fassung das hübsche Wort geschrieben steht: „So schaut mir doch, wie dieser alte Mann gleich einem Jungen mit einem Vögelchen spielt!“ 1 Unweigerlich fiel mir diese Geschichte ein, als ich die hier gezeigten Bilder von Edgar Leissing zum ersten Mal sah. Diese scheinbare Leichtigkeit, mit der er seine Figuren bestückt, mit einer barfüßigen Schwere eines scheinbar statischen Lebens, das nie wirklich den Boden berührt und vielleicht auch nie wirklich schweben will. Aggregierte Zustände. Geerdet und doch keine Verortung. Lost in time and lost in space. Kein Raum, nirgends, um die Figuren seiner Begierde festzumachen. Unvertäut liegen sie wie Boote am Kai und doch treibt sie nicht eine Sehnsucht nach der unendlichen Ferne. Nichts scheint fehl am Platz. Findlinge, wie von einem Gletscher vor langer Zeit abgelegt. Edgar Leissing versteht es, immer wieder aufs Neue, die gespannte Schärfe seines Geistes zu lockern … dadurch, dass er sich der spielerischen Selbstvergessenheit eines Kindes anvertraut. Wenn der Bleistift- oder Pinselstrich dem Geist verfügbar und schmiegsam geworden ist, wenn das Sichtbare zum Ausdruck einer inneren Fülle geworden ist und in sich selber ruht, dann blitzt, kaum wahrnehmbar, die schwebende Eleganz des „Könnens“ auf. Eines habe ich allerdings noch vorenthalten: Stirbt ein Mensch, so kehrt seine Seele wieder in die „Halle der Seelen“ zurück. „Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem wir sterben. Jeder von uns. 21 Gramm. Das Gewicht von fünf 5-Cent-Münzen. Eines Schokoriegels.“2 Oder sechs Aspirin-Tabletten. Ein Zehntel des Inhalts einer Tube Lustenauer Senf ... oder das Gewicht einer Bachstelze, einer Kohlmeise oder … eines Sperlings.

Thomas Schiretz, 21.11.2011

Anmerkungen
1 Hincmar von Reims, Vita Remigii
2 Mit diesen Sätzen beginnt Alejandro González Iñárritus Film „21 Gramm“, 2003








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