Die kultivierte Sicht

Rosenaquarelle, die in den 60er Jahren für ein Buch zusammengetragen wurden, bilden eine durchgängige formale Konstante der vorliegenden Collagen. In der Art gefundener Ready-Mades bettet sie Edgar Leissing in schwarzweiße Bleistiftzeichnungen, die ebenfalls als Bildfindungen im Sinne von Zitaten aus einem kollektiven Bildfundus gespeist werden. Wo sich des Künstlers Auge in der Vogue, Art, in Katalogen, Reklamen und Magazinen diverser Herkunft verfängt, wo ein Bildmotiv mit hintersinniger Doppeldeutigkeit oder interessant scheinender Popularität den gewünschten Initialreiz mit logoartiger Wiedererkennungsqualität liefert, werden Motive adaptiert und transformiert. So liefert auch das Archiv der Kunstgeschichte ausgehend von Caravaggio bis zu Ikonen zeitgenössischer Kunst wie Picasso, Bacon, Serra, Nauman oder dem aktuellen Documenta Macher das Manipulationsmaterial. In der Kombination zweier Realitätsebenen ist die Collage erprobtes Mittel der Irritation und Sinnstiftung, die essentiell mit dem Impuls beim Betrachter rechnet. Stilistisch gewohnt sicher - leicht und raffiniert - trägt Leissing diese Kombination von Wirklichkeiten vor. Entgegen dem implizit schmerzhaften Fragmentcharakter von Collagen passiert die konstruierte Aneinanderordnung der Motive trotz Material- und Themenwechsel harmonisch weich. Selbst bei figurativer Attitüde kommt es zu symbiotischer Formverschmelzung.

Leissing verneint narrative Inhaltlichkeit im Sinn einer Bildgeschichte. Die Zusammenstellung der Elemente ergibt sich vielmehr aus der Lust am formalen und assoziativen Komponieren. Spielerisch geht der gute Zeichner mit der Verzerrung der Größenverhältnisse und Sinnverschiebung um. Durch den Wiedererkennungswert der Motive, die suggerieren, anklingen und mitschwingen lassen, jongliert er mit dem Betrachter. Im ersten Durchlauf steht sehend die Leichtigkeit - die mit Geschicklichkeit und Balance einhergeht - im Vordergrund und der Funke des lustvollen Machens springt auf den Wahrnehmenden über. Mit nach oben gezogenen Mundwinkeln sucht der vergnügungssüchtige Intellekt nach dem nächsten bildmotivischen Balanceakt. Mit kurzer Verweilzeit geht's zum nächsten visuellen Vergnügen. Im zweiten Durchgang verfliegt der Humor und die Leichtigkeit des Inszenierten. Angespannter Atem und Konzentration der zelebrierenden Jongleure verdrängen den flüchtigen Moment, Ernst schleicht sich ein. Vor allem die dynamisch angelegten Figuren wirken beim zweiten Hinschauen in ihren Bildfindungen festgenagelt ohne den gewohnten Kontext. Das dem visuellen Gedächtnis soeben entlockte Archivmaterial gerät im Umfeld der Rosen wieder in emotionale Distanz. Die ursprünglichen Wirklichkeitskompositionen von Rose und Figur haben illusionären Abbildcharakter. Materialiter und formal wird in der Gegenüberstellung von Zeichnung und Aquarell die vorherige Stufe scheinbarer Identität verloren und zugleich zitiert. Eine neue Realität wird geschaffen.

Innerhalb von Grenzen realer und symbolischer Relevanz wird in der Zucht von Rosen ein Ideal angestrebt, das parallel zu ästhetischen Vorstellungen der bildenden Kunst entwickelt wurde. Während zeitgenössische Kunsttheorie die Inszenierung von Schönheit weitgehend als Schwäche auslegt, ist ihr die Volksmeinung als romantisches Isturteil über Kunst verpflichtet. In der eleganten Paarung von vergänglicher Schönheit, Leichtigkeit und Schmerz (Herzblut) liegt bei der Rose das emblematische Potenzial für Kulturbefrachtung. Der Umgang in der Kunstwelt wie die Weihe für die Rosenzucht bedürfen der Kenntnis ästhetischer, zeitunterworfen variabler Spielregeln, die für Außenstehende mitunter absurd erscheinen. In der leichten Manier eines Kavaliers nutzt Edgar Leissing das Sinnbild kultivierter Natürlichkeit im Medium der Collage, deren Wesen selbst die künstliche Bindung von Realitätsfragmenten ist.

Wenn auch Leissings Rosenarbeiten die Möglichkeit zur Reflexion selbstreferentieller Kunstwirklichkeit zulassen, so gilt des Künstlers Intention eindeutig der Kunst und nicht der im eigenen Saft garenden Kunst-Kunst. Die Qualität seiner Arbeiten liegt im vordergründig schnell zu erfassenden, weil direkten Vortrag. Im Bildinnern sind verschiedene Denkfolien gespeichert, die auf den Augenblick der Infragestellung warten. Gerade aufgrund der geistreichen Verteilung von Inhalt und Bildquelle befinden sich die Arbeiten in raffinierter Schwebe. Es sind surreal gefrorene Momentaufnahmen, doch kitzlig und dynamisch kippfähig für emotionale Wahrnehmung.

Winfried Nußbaummüller, 2002









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