Kitzelmomente
Das Futter für die Werkgruppe der Kuscheltier-Philosophen liefern die Fotos vom wöchentlichen Abendakt. Auf dieser Basis erarbeitet Edgar Leissing Aktzeichnungen in gleichmäßiger Bleistiftschraffur und kombiniert sie mit krabbelndem und kriechendem Kleingetier, welches er aus einem Naturkundebuch plündert. Die subtile Art, mit der der Künstler die Käfer, Silberfische, Vögel oder Fledermäuse auf die nackten Körpern platziert, generiert Bildfindungen, die aufgrund der maßstäblichen und technischen Differenz der Motive offensichtlich surreal sind, aber dennoch denkbar und damit auch plausibel wirken. Vom Werkprinzip ähnelt das Vorgehen den anderen collagebasierten Serien, etwa den RosenGeschicklichkeitskünstlern, den FruchtfleischBlumenmädchen oder den BlumenduftWolkenkratzern. Da wie dort geht es um ein Verschneiden der Welt zu einer neuen Kunstwirklichkeit. Die gezeichneten Männer und Frauen wirken selbstvergessen. Sie sind entrückt – wie die Kindheit oder das kuhglockengetränkte Bild einer idyllisch langweiligen Sommerfrische, die zu Mutproben mit Regenwürmern oder zu anderer Selbsterprobung anregt. Um das Gekrabble auf ihrer Haut kümmern sie sich genausowenig wie um den Betrachter. Typisch für Leissing ist die selbstsichere Zurschaustellung des Körpers: Dies gilt hinsichtlich der zelebrierten Nacktheit und der Freude an perspektivisch komplexen Verkürzungen und Windungen. Eingebettet in einen linear stilisierten Bildhintergrund beugen, krümmen und räkeln sich die Figuren, und ruhen trotz ihrer Manieriertheit ausbalanziert in sich. In Anbetracht der Kontinuität des Künstlers im massenmedialen Recycling spielen diese Turner- und Tänzermodelle mit den Facebook-Posen der Jungen. Substanziell ins Innere der amorphen Phantasiewelt Leissings dringen die Malereien vor. Während in den Collagen die Bildquellen intakt bleiben, verschmelzen sie hier zu einem Hybrid: Der Fischkopf stülpt sich wie ein Regenmantel über einen nackten Frauenkörper, der gehäutete Schweinskopf erdrückt sein Darunter förmlich und der harte Schildkrötenpanzer offeriert sich weich und verletzbar. Die Gier nach kunstvoll zelebrierter Körperverschmelzung, die auch in den Hermaphroditen Leissings spürbar ist, verschiebt sich in den KuscheltierKörperskulpturen zum Festhalten einer Berührungsintensität, einer Momentaufnahme, die an die Nadelstiche des Schmetterlingforschers erinnert. Für den Betrachter gilt es, sich im Anblick der theatralischen Inszenierung des Nebeneinanders von Mensch und Tier die eigenen Streichel-, Kitzel-, und Schreckmomente mit Maden oder Kieferrüsslern zu vergegenwärtigen. Im Bild, dem dargestellten Schlüsselreiz, spült die Erinnerung das Gefühl sich putzender Bienenfüßchen, das Kratzen oder auch den Ekel und die Ängste hoch: vor dem Schliefer im Ohr, dem Moderkäfer in der Wäsche, dem Heuschreck in den Haaren oder der Schleimspur des Wurmes. Innerlich schüttelt man sich und verscheucht das Ungeziefer. Nicht das lustvolle Zupacken, sondern eher das „zaghafte Beschnuppern“ steht im Vordergrund, das sinnliche Erlebnis, sich von selbstbewußt aufbäumenden Raupen, dicken Glanzkäfern, Marienkäfern, Wespen und Mäusen bekrabbeln zu lassen, sie also nicht gleich totzuschlagen, sondern diesen „eingeimpften Eckel zu überwinden“ und „zu genießen“.
Winfried Nußbaummüller, September 2012








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