Höllenstruz

Fallhöhe ist ein Begriff der Komiktheorie. Komisch ist es ja auch, wenn Quadrupeden in den leeren Raum stürzen, dieser in der realen Welt kaum nachvollziehbare Fall ist der vollkommene Zustand der Hilflosigkeit, in dem nahezu alle möglicherweise vorhandenen Eigenschaften des Vierfüßlers – ob auf die Hinterbeine aufgerichtet oder nicht – absolut gleichgültig sind, weil nur die Masse zählt.
Die Ikonographie des Falls ist umfangreich: Ikarus natürlich, Alice im Kaninchenloch, Luzifer und eben der Sturz der Verdammten: damit hat es sich so ziemlich. Als Individualreisenden kennen wir noch den während des Fliegens die Augen beschattenden nackten anonymen Gentleman auf dem scheibenförmigen Bild des C. Corneliz van Haarlem, der in seinem endlos anmutenden Fall sicher gelegentlich die Hand von der Stirn und die Gelegenheit wahrnimmt, sich selbst zu beobachten, sich darüber zu verwundern, wie die in Hautbeuteln nach außen gelagerten Partien seines Körpers (ich meine seine Eier) hinter der Schwere beispielsweise seiner Hinterbacken herflattern – ob’s physikalisch korrekt ist, sei dahingestellt, Experimente dazu will ohnehin keiner machen.
Wohin fällt man da? Traditionellerweise in die Hölle; freilich sind in unserem Jahrhundert die Dichter nicht müde geworden, uns zu versichern, was ohnehin jeder erfährt, der alt genug wird: die Hölle ist hier; die Hölle sind wir; die Hölle sind die anderen; undsoweiter. Die Hölle ist der Sturz durch die Zeit. Dem Raum sind wir ziemlich verhaftet, er hat zumindest im Beriech der menschlichen Wahrnehmung keine absonderlichen Eigenschaften wie jene, von denen uns die Theorien der Physiker und ein Teil ihrer Beobachtungen berichten, der Raum ist ziemlich zuverlässig, wir brauchen lange, um auf einen Berg zu steigen, es ist mühsam, und der Aufstieg geht in die Knie, so ist das immer, eins der Dinge, auf die man sich verlassen kann; und wenn wir auf den Horizont zumarschieren, weicht es zurück, und je näher wir kommen, desto ferner wird er, bis wir eingesehen haben, dass wir ihn nicht erreichen können: frustrierend aber zuverlässig.
Nur die Zeit hat höllische Qualitäten, beschleunigt völlig unabhängig von unserem Willen und alsbald gegen ihn, und wir fallen durch sie ohne die geringste Aussicht auf einen festen Punkt, mittels dessen wir sie aus den Angeln heben oder wenigstens geringfügig beeinflussen können.
Die Vorstellung einer anonym-entropischen Hölle ganz ohne menschenzersägende und-pfählende Dämonen findet sich schon beim Prediger: „Denn die Lebendigen wissen / das sie sterben werden / Die Todten aber wissen nichts / sie verdienen auch nichts mehr / Denn jr gedechtnis ist vergessen / das man sie nicht mehr liebet / noch hasset / noch neidet / Vnd haben kein Teil mehr auff der Welt / in allem / das unter der Sonne geschicht.“
Zurück zum Stürzen: das unterwegs unvermeidliche Gezappel steht eben auch im deutlichsten Gegensatz zur Unbeweglichkeit des Ewigen. Wie Philolaos sagt: „Es existiert ein Herrscher und Lenker aller Dinge, ein einziger ewiger Gott, der beständig ist und unbewegt, nur sich selbst gleich und von allen anderen geschieden ist.“
Hippolyt zitiert die Peraten, also jene Gnostiker, die glaubten, dass keine Kreatur dem von Gott an bestimmten Geschick entfliehen können: „Das All besteht aus Vater, Sohn und Materie. Jedes von diesen drei Prinzipien enthält in sich unendlich viele Kräfte. Mitten zwischen Vater und Materie hat der Sohn, der Logos, seinen Platz, die Schlange, die sich ewig bewegt nach dem unbewegten Vater und nach der bewegten Materie zu, und bald wendet sie sich zum Vater und nimmt die Kräfte in ihr Angesicht auf; nach Empfindung der Kräfte aber wendet sie sich der Materie zu, und ihr, die qualitäts- und formlos ist, werden vom Sohne die Idee eingeprägt, die dem Sohne zuvor vom Vater eingeprägt wurden.“
Gewimmel also im Bereich der Materie. Brownsche Bewegung der Moleküle unten, Gott im Zustand maximaler Entropie oben. Auf Rubens’ Bild „Der Höllensturz“ ist dieser Zustand festgehalten, Körper als Elementarteilchen stürzen in den unterschiedlichsten Positionen am Zuschauer vorbei in einem Abschnitt des kosmischen Zyklotrons für menschliches Fleisch.
Hier knüpfen die vorliegenden Bilder an, an der anonymen Vielzahl der bewegten Akte auf dem Rubensschen Gemälde, aber die traditionelle Quelle solcher Bildvorstellungen ist längst verschüttet, sodaß man jetzt vielleicht besser den „Verwaiser“ von Samuel Beckett aufschlägt und zu lesen beginnt: „Eine Bleibe, wo Körper immerzu suchen, jeder seinen Verwaiser. Groß genug für vergebliche Suche. Eng genug, damit jegliche Flucht vergeblich. Es ist das Innere eines niedrigen Zylinders mit einem Umschlag von fünfzig Metern und einer Höhe von sechzehn wegen der Harmonie. Licht. Seine Schwäche. Sein Gelb. Sein Überallsein, als ginge von jedem der rund zwölf Millionen Quadratzentimeter Gesamtfläche ein eigener Schimmer aus. Sein Gekeuche, das hin und wieder stockt wie Atem, der am Ende ist. Alle erstarren dann. Ihr Bleiben geht vielleicht zu Ende. Nach einigen Sekunden geht alles wieder los ...“

Kurt Brachraz, 1991








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