Collagen

ErinnerungsGebäude

Stadt-Puzzle – Feldkirch-Collage zum 800-Jahr-Jubiläum

„Edgar Leissing ist ein Maler aus Bregenz. Vielleicht wird er immer in Bregenz bleiben, denn wofür braucht ein Maler die weite Welt, er muss nichts gesehen haben, er muss etwas sehen. Vielleicht ist es wichtiger für ihn, dort zu sein, wo man ihn kennt, wo man ihm keine dummen Fragen stellt, auf die er unnütze Antworten geben muss, dort wo ihn alle Esche nennen.“ Vieles von dem, was Wolfgang Mörth 1991 über Edgar Leissing geschrieben hat, stimmt auch heute noch und Edgar Leissing ist, zumindest bis dato, in Bregenz geblieben. Von dem Umstand, dass er sein Atelier vor etlichen Jahren nach Schwarzach verlegt hat, darf in diesem Zusammenhang einmal abgesehen werden. Viel wichtiger aber ist die Tatsache, dass Edgar Leissing von Bregenz aus immer wieder Streifzüge in die Welt unternimmt. Weniger den touristischen Attraktionen und den Places to see rund um den Globus hinterher hechelnd, begibt sich der Künstler auf größeren Reisen vielmehr auf familiäre Spurensuche oder absolviert Arbeitsaufenthalte an den verschiedensten Orten innerhalb und außerhalb Europas. Aus den dabei entstandenen fotografischen Schnappschüssen ist in den letzten Jahren als work in progress die Werkreihe der „ErinnerungsGebäude – MemorialBuildings“ entstanden. In den zu Collagen neu zusammengefügten, auf der digitalen Bildbearbeitungsfläche zu Architekturen aufgestapelten Fotos gerinnen Zeit und Erinnerung, verdichten sich zu Kompositionen, in denen ein ganzer Ort, eine ganze Stadt, in einem einzigen Bild kulminiert.

Bilder pflücken

Angefragt, nach 25 Jahren und just zum 800-Jahr-Jubiläum der Montfortstadt wieder einmal im Theater am Saumarkt in Feldkirch auszustellen, war die Entscheidung schnell gefallen. Acht neue Feldkirch-Collagen, „ErinnerungsGebäude 3″, eigens für die Ausstellung produziert, zeigt Edgar Leissing ab dem 2. Februar im Theater am Saumarkt.

Bilder hat Edgar Leissing, geboren 1960 in Bregenz, immer schon geklaut. Man könnte auch sagen, er hat die Bilder gepflückt wie Blumen, aus Zeitschriften, von Plakatwänden, vom Bildschirm oder aus der Zeitung. Der Maler und Grafiker extrahiert Details aus ihrem Kontext, gewichtet Dinge anders und lenkt sie auf neue Umlaufbahnen. Neben diesen Übergriffen auf die massenmediale Bilde(re)produktion schaut der Künstler auch durch den Sucher seiner Kamera, zoomt die Welt heran, zerlegt sie in Ausschnitte, archiviert und verwahrt diese Schnipsel von Alltag, bis er sie wieder braucht, einreiht in einen neuen Zusammenhang, zusammenfügt zu Bildern, in denen er die Welt neu erfindet.

Das künstlerisch-gestalterische Prinzip der Collage ist allgegenwärtig im Schaffen von Edgar Leissing. Als Kollision von nicht miteinander zu Vereinbarendem kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Widersprüchliche Realitäten prallen aufeinander, werden durch Farbe, Form und Bewegung verknüpft. So verschmelzen Menschen, Tiere und Pflanzen zu zwitterhaften Wesen, werden in bildkünstlerischen Metamorphosen zu Hermaphroditen. Die phantastischen Bildfindungen schlagen sich häufig in den ebenso wortmalerischen Titeln der Gemälde nieder. Dieser Vorgehensweise bleibt Esche konsequent treu, auch in seiner jüngsten Werkserie der MemorialBuildings, wo er fotografische Versatzstücke, die in seiner Arbeit bisher eher den Stellenwert persönlicher Erinnerungen hatten und häufig unmittelbar mit ihm selbst und seiner Familie zu tun haben, verarbeitet und sich die Anzahl der zur Collage zusammengefügten Einzelkomponenten allerdings auf 15 bis 20 verschiedene Teile erhöht.

Digitale Bauklötze

Als angenehme Abwechslung zu seinem künstlerischen Alltag, der überwiegend von Menschen- und Körpercollagenmaterial bestimmt ist, richtet Leissing seinen Fokus in den „ErinnerungsGebäuden“ vor allem auf die Architektur und den urbanen Raum. „Ich baue mit digitalen Bauklötzen eine landestypische Architekturlandschaft, lasse meine unmittelbare Umgebung ineinander verschmelzen, sammle, ordne, zerstückele, verknüpfe, kombiniere das gefundene Bildmaterial zu sinnzertrümmernden Bildkompositionen.“

Begonnen hat alles bei einem Workshop, den Edgar Leissing an der Liechtensteiner Uni abgehalten hat und bei dem die Studenten fotografisch gesammeltes Bildmaterial spielerisch wie Puzzleteile zu freien Collagen angeordnet haben. Die in Liechtenstein gewonnenen Erfahrungen hat der Künstler dann auf sein umfangreiches, von zahlreichen Reisen mitgebrachtes Bildmaterial umgemünzt. Fragmente der Erinnerung, touristische wie auch sehr persönliche Blickwinkel türmen sich zu schwindelerregenden Architekturen auf, Historisches überkreuzt sich mit Zeitgenössischem, Öffentliches trifft auf Privates, verschiedene Perspektiven finden in einer Ansicht zusammen. Ganze Städte, verdichtet in einem Bild: „Erinnerungsfetzen wie der gemütliche Nachmittagskaffee in den bunten Stühlen in der Kastanienallee, die beeindruckende Marmorskulptur des nackten Mannes in der Kunstakademie, die imposante Glaskuppel des Potsdamer Platzes, der Pflichtbesuch jedes Touristen beim Checkpoint Charly oder das Tänzchen mit meiner Frau in Clärchens Ballhaus werden zusammengenäht zu einem kompakten Berlin-Souvenir“, so Edgar Leissing.

In Feldkirch lugen ein Stückchen Katzenturm, eine Ecke Schattenburg, ein Fragment vom Bahnhof oder ein Detail der Poolbar aus den Collagen hervor. Aber der Künstler hat mit seiner Kamera nicht nur die Hot Spots der Stadt besucht im vergangenen Sommer, sondern auch unbekannte Gassen oder das Haus, in dem sein Vater einmal gearbeitet hat. Neben den schönen Altstadtfassaden und der scheinbar heilen, glatten Welt, verarbeitet Leissing auch störende Elemente im Stadtbild, wie einen Lüftungsschacht in seinen digitalen Bildkompositionen.

Ariane Grabher, Kultur Februar 2018

ErinnerungsGebäude

Interview von Claudia Voit mit Edgar Leissing

In der Ausstellung „standort (Vol.1)“, Österreichisches Kulturforum Berlin und „standort (Vol.2)“, KunstVorarlberg Feldkirch 2014 wird erstmals eine Serie von dir gezeigt, die bisher eher den Stellenwert persönlicher Erinnerungen für dich hatten. Du hast mir erzählt, dass du vor einigen Jahren damit begonnen hast, nach größeren Reisen, meist Arbeitsaufenthalten an den verschiedensten Orten innerhalb und außerhalb Europas, selbst angefertigte Schnappschüsse zu Collagen zusammenzufügen, die du dann auf der digitalen Bildbearbeitungsfläche zu Architekturen aufgebaut hast. Kannst du etwas über die Anfänge dieser Serie erzählen?

Ich wurde eingeladen einen Workshop an der Uni Liechtenstein abzuhalten. Den Studenten sollte in der ersten Woche des Wintersemesters 2011/12 mit verschiedenen Kompaktprojekten fernab ihres Studiums ein lockerer, spielerischer Start ermöglicht werden. Mein Thema LiechtensteinCollage sollte die Neugierde wecken und den Blick schärfen. Wir bastelten uns quasi den perfekten Liechtensteiner, bauten mit digitalen Bauklötzen unsere typische Architekturlandschaft, ließen Menschen, Tiere, Blumen, Symbole unserer unmittelbaren Umgebung miteinander verschmelzen, sammelten, ordneten, zerstückelten, verknüpften, verbanden, kombinierten das gefundene Bildermaterial zu Sinn zertrümmernden Bildkompositionen. Die ersten zwei Workshoptage wurden wir von wunderbarem Wetter verwöhnt und wir nutzten die Zeit für eine umfangreiche Fotorecherche in der Stadt Vaduz, bis hinauf nach Malbun und auf das Sareiserjoch. Ein waches Auge hinter der Digitalkame-ra, ein neugieriger und gezielter Blick auf Details, das Sammeln von Bildmaterial jeglicher Art mit Liechtenstein-Bezug war die Aufgabe. Mitte der Woche dann der Übergang zu selektivem Ordnen der Fotografien und die ersten Versuche einer collageartigen Zusammenführung von Bildausschnitten. Nicht konzept- und kopflastige Bildarrangements waren gefordert, keine handwerklichen Voraussetzungen, kein besonderes Talent, wie es etwa zeichnen oder malen erfordert, waren gefragt, sondern das spielerische Verbinden von Puzzleteilen zu einer freien sprühenden Collage. Den gelungener Abschluss bildete die Ausstellung der A0-Ausdrucke im Foyer der Uni.

Du baust diese verschiedenen Bildfetzen, sowohl touristische als auch sehr persönliche Blickwinkel zu sogenannten „Gebäuden/Buildings“ auf. Analog zum Konzept der „Mehrstimmigkeit“ in der Literatur verschmelzen dafür quasi in einer „Mehransichtigkeit“ verschiedenste Perspektiven – öffentliche und private, historische und zeitgenössische, repräsentative und wenig charakteristische – zu einer einzigen sich auftürmenden Architektur. Handelt es sich analog zur Verdichtung einer Stadt zu einem einzigen Gebäude um die Verdichtung einer komplexen Erinnerung zu einem einzigen Bild?

Nach diesem Liechtenstein-Workshop hab ich angefangen, mein Bildmaterial, das ich von meinen Auslandsaufenthalten mitgebracht habe, ähnlich zu verarbeiten. Was nützen mir 3 000 Fotos aus New York, wenn ich sie nie mehr ansehe? Gleich einem Album in dem z. B. meine Kindheit dokumentiert – also verdichtet – ist, verdichte ich ganze Städte zu einzelnen ErinnerungsGebäuden. Erinnerungsfetzen wie der gemütliche Nachmittagskaffee in den bunten Stühlen in der Kastanienallee, die beeindruckende Marmorskulptur des nackten Mannes in der Kunstakademie, die imposante Glaskuppel des Potsdamer Platzes, der Pflichtbesuch jedes Touristen beim Checkpoint Charly oder das Tänzchen mit meiner Frau in Clärchens Ballhaus werden so zusammengenäht zu einem kompakten Berlin-Souvenir.

Die Frage nach der Entstehung der Funktion des Bildes ist ja sehr eng mit der Erinnerung, der memoria, verknüpft. Eine der bekanntesten Legenden vom Ursprung der Malerei ist diejenige von Plinius dem Älteren, beschrieben in seiner Naturalis historia, derzufolge eine junge korinthische Frau das Profil ihres zur Seefahrt aufbrechenden Geliebten nach dessen Schattenriss an der Wand festhielt. Die Zeichnung steht in einem direkten Bezug zum Schattenwurf, Voraussetzung für diesen wiederum ist die tatsächliche Anwesenheit des Geliebten – die primäre Funktion des Abbilds ist damit die Erinnerung, eine Argumentation, die später vor allem auch für die Fotografie herangezogen wurde und erst mit der digitalen Technologie tatsächlich brüchig geworden ist. Für mich steckt in deinen digitalen Collagen genau diese Frage nach der Konstruiertheit, der Produziertheit von beidem – des Bildes und der Erinnerung. Welche Rolle spielt diese Frage für deine Arbeit?

Ausgangsmaterial sind Fotos aus den unterschiedlichsten Perspektiven, von unten, von oben, ganz nah dran und aus großer Entfernung, kleine Gegenstände wie Bilderrahmen, Briefkästen, Flohmarktbuden, Kanus, Grabsteinblumen, Schaufensterpuppen, Carrera-Autobahnen oder Heiligenfiguren konkurrieren mit Einfamilienhäusern, Bankgebäuden, Regierungsgebäuden, Tiefparkgaragen, Kathedralen und Synagogen, mit Säulen und Kriegerdenkmälern, mit Konzerthallen, Museen und Wolkenkratzern. Sie sind zusammengesteckt wie viele bunte Legosteine, aufeinandergestapelt wie Sperrmüll vor der Haustüre, zusammengenagelt wie Bretterbuden in Armenvierteln, zusammengehalten von digitalen Radiergummiflummseln bis zum nächsten Windstoß oder Erdbeben …

Die Serie bietet gleichzeitig einen Einblick in deine malerische Praxis – digitale Collagen gehen häufig deinen meist großformatig ausgeführten Gemälden voran, sie sind einer deiner Arbeitsschritte auf dem Weg zum gemalten Bild. Warum bleibt diese Werkserie als digitale Collage bestehen, wird nicht malerisch ausgeführt bzw. weiterverwendet?

Mein Generalthema, die KörperVerschmelzungen bzw. KörpercollageHermaphrodite werden nur zu einem geringen Teil in Öl umgesetzt, nur die allerbesten werden gemalt. Sie sind ja auch nicht bloße Urlaubserinnerung sondern tägliche Beschäftigung, tägliches Ringen um Gleichgewicht, Balance, Körperbeherrschung, Ausdruck, Statik, Akrobatik und GefühlsideeChoreografie … Die ErinnerungsGebäude sind sehr persönliche Bilder meiner Reisen, mein ganz persönliches Fotoalbum, ursprünglich auch nicht für die Öffentlichkeit gedacht also bleibt es bei der digitalen Bildkomposition.