Ölbilder

GleitfischbrüllenAugenblick

GleitfischbrüllenAugenblick oder wie ich schwimmen lernte

Edgar Leissing hat für diese Einführung einen zwar Kunstinteressierten aber doch im Hauptberuf Psychiater eingeladen – sein Risiko … Darf immerhin behaupten, dass ich seine lange Schaffensperiode immer mit Interesse verfolgt habe und vieles über seine bildnerische Kunst hinaus an ihm schätze –
Als Psychiater am Einfluss gesellschaftlicher Vorgänge und Brüchen interessiert hatte ich vor allem immer Bewunderung für sein besonderes Gespür Problemfelder bildnerisch anzusprechen – gesellschaftliche Hot Spots, die häufig erst viel später im allgemeinen Diskurs eine Rolle spielten – Beispiele dazu später …
Er selber will von solchem, sagen wir Spürsinn bis Visionärem, zunächst nichts wissen, bezeichnet sich als Handwerker, primär Maler und Fotograf, mit Lust am – eben nicht primär thematisch angelegten – Werkeln, Basteln oder Collagieren, letzteres mit der Zeit auch am Computer;  überlässt sich dabei wohl – und das macht es eben aus –  spontanen Einfällen oder Gefühlen – der Psychotherapeut würde sagen seinem Unbewussten … Kommt so, wie andere über ihre nächtlichen oder Tagträumereien, dann eben auch zu besonders anrührenden oder die Phantasie der Betrachter auch aufrührenden Bildern …
Nein, meinte er mir gegenüber, hinter seinen Bildern steckten keine Geschichten oder Absichten, er wundere sich, was manche schon dahinter vermutet oder herausgelesen, ihm was für Geschichtchen dazu erzählt hätten. In eben dieser seiner Absichtslosigkeit liegt, meine ich, auch die Animationskraft seiner Bilder. Wie einen Traum nur der Träumer selbst deuten kann, wenn überhaupt, so überlässt er seine Bilder der Imagination der Betrachter …
Gehe nun ohne den Anspruch auf Vollständigkeit, etwas chronologisch vor und kann dabei das eine oder andere vom Gesagten hoffentlich belegen …

Noch vorweg:  Wozu eigene Bilder, wenn die Welt voller Bilder ist?  Warum nicht Vorhandenes verwenden, verarbeiten, zu einer neuen Ästhetik bringen?  Das war schon Rezept von Künstlern der PopArt, Hamilton hat ihn früh beeindruckt. Auch Leissing spricht vom „Bilder klauen“ – um dann in einem anderen Sinn kreativ zu werden, auch indem er der Lebenswelt gerade durch Verwenden ihrer Ausflüsse ein kritischer Standpunkt entgegensetzt.
Begonnen hat er in den 80er Jahren mit dem Abpausen von Fernsehbildern, um es handhabbar zu machen baute er – eben Handwerker – seinen Fernseher zum Tisch um, malte diese flüchtigen Bilder pointiert aus, ließ sie wie gerinnen und führte so ihre Verführungskunst – und Suchtpotenz vor Augen.
Ähnlich im seriellen Gegenüberstellen von zunächst bezugslosen Gegenständen, der Widerspruch gewollt, die Bedeutung der einzelnen Bilder so verändert, vor allem hinterfragt, die oft beklagte Zersplitterung unserer Welt so neu zusammengefügt, aber auch Wahrheit und Echtheit auf die Probe gestellt. Nicht sein Anliegen und doch augenscheinlich:  die Manipulierbarkeit der medialen Bilder vorführen – lange bevor heute ständig von Gefaktem die Rede ist …
Später begegnen wir in seinen Bildern Menschen in uneinnehmbaren Körperstellungen, der Sex nicht ausgespart, Verschmelzung von Körpergestalten – Mensch-Mensch, auch Tier-Mensch … erinnert zwangsläufig an Gestalten der griechischen Mythologie. Dort der Hermaphrodit noch Sinnbild für Ganzheit und Harmonie, später wie heute auch tragische Figur, lange tabuisiert, oftmals auch fragwürdigen medizinischen Korrekturen ausgesetzt … Wollen uns diese Zwitterwesen daran erinnern, dass wir alle einmal zwittrig angelegt waren? Lange bevor das Thema Intersexualität nun – reißerisch wie seriös – verhandelt wird, konfrontierten uns diese Darstellungen gewollt oder ungewollt? damit – nicht von ungefähr ist KörpercollageHermaphrodit dann auch der Titel seines Sammelbands …
Der menschliche Körper, um auf eine wichtige andere Aktivität Leissings zu kommen, steht natürlich in den von ihm seit 3 Jahrzehnten durchgehend begleiteten Kursen in Aktzeichnen im Fokus, woraus er über sein Mitzeichnen oder Fotografien wieder wichtiges Material für weitere Bearbeitung in teils beschriebener Form generierte.
Seine Portraits von prominenten wie anderen Zeitgenossen sind unverwechselbar, wer Modell stand fand sich dann vielleicht als TiefengaragenOrpheus, VenushügelEmpfindsamkeitsexperte oder ZehenlutscherLehrbeauftragter wieder. Kontaminationen also auch im Verbalen, da wird’s nicht langweilig!

Seit Jahren ist er auch wichtiger Akteur im Theater Kosmos, das vor allem für auf Erstaufführungen junger Autoren steht, fertigt die Plakate und kuratiert zum Stück passende Ausstellungen.
Für diese Ausstellung im Hallenbad und in einer Bodenseegemeinde hat er nun dazu passende ältere und vor allem ganz aktuelle Werke ausgewählt. Selbst nahe dem See aufgewachsen, übrigens mit 7 Jahren Österreichs jüngster Ruderer, spielt der See – verglichen mit anderen Malerkollegen aus der Bodenseeregion – bei ihm in der Motivwahl allerdings im Ganzen keine so große Rolle.
Für Hier und Heute wurde er jedoch fündig bzw. aktiv, wenn nicht den See, dann doch thematisch passend, also Bilder ums Wasser und seine Lebewesen, etwa eine Makrele, Bleistiftzeichnungen auf Karton…
Kam ihm an einem fernen Gewässer, in Manhattan, ein Chinese mit Fisch am Hacken vor die Linse, die Freiheitsstatue im Hintergrund erkennbar, daraus die Bleistiftzeichnung …

Aus neuester Zeit das Ölbild mit Frau im Fischschuppenkleid …
Dann … seine Mensch-Tier hier Mensch-Fisch oder Mensch-Seevögel-Verschmelzungen … dies in toto aber auch in verfremdeten Schauspieler-Köpfen… 2 Triptychons: FischmaulVerbalinkontinent und LebenslügenSchleimhaut …
Dann noch das Einbaum Ruderboot, selbst in 4 Tagen mit Kettensäge und Beitel aus dem Stamm gehauen, funktionstüchtig, seine Fahrtauglichkeit auf der Bregenzer Ache erprobt, heute verrottet es – Teil einer Kunstaktion – im Gelände …
Überlasse Sie nun eigenem Schauen!

Albert Lingg, März 2019

KörpergefühlStilleben

Schrauben, spannen und winden …

Edgar Leissing und Markus Grabher

Seit über 30 Jahren treffen sich Markus Grabher und Edgar Leissing in dessen Atelier zum gemeinsamen Aktzeichnen. Die flüchtigen Skizzen sind indirekte Vorlagen für Skulpturen des Einen und Ölbilder des Anderen. Spannungsvoll gekrümmte geschraubte Kreaturen treffen auf sinnzertrümmernde Körperverschmelzungen. Ockerglänzende entblößte schrumpelige Haut trifft auf metallisch pflanzliche Verhüllungen. Männliche Körper in Bewegung, blühen auf, erstarren zur Skulptur, krümmen sich zusammen und winden sich im Kampf.

Fühle, bevor du träumst

Zwei Ateliers. Eine Atelierbesucherin.
Zwei Gestalter. Eine Betrachterin.
Zwei Sprecher. Eine Zuhörerin.

Ich kann es schrauben, spannen und winden: Es bleibt immer ein gleichschenkeliges Dreieck, in dem meine Annäherung an zwei Positionen eine Art Hypotenuse bilden muss, um im rechten Winkel das Darüberstehende oder das innenliegende Gemeinsame zu definieren. Diese Hypotenuse muss nicht zwingend ein weiblicher Blick sein – macht es für mich jedoch spannend. Ich habe keine Erfahrung darin, mich zeitgleich zwei Männern zu nähern, und das auch noch im Frühling. Im März.

Zwei Ateliers. Eine Atelierbesucherin.

Kalt ist es im Atelier des Einen. Fast höre ich den Staub klirren. Und da es unter meinen Schuhsohlen knirscht, bleibt mein Blick bewegter als ich selbst. Knirschen erzeugt in mir noch immer das Gefühl, zu verletzen, selbst wenn es sich um Scherben handelt, auf die ich trete. Überall stehen und liegen und hängen Figuren. In einer lila Büste stecken Stecknadeln.
Eine erdfarbene Menschheit in den Regalen. Eine schwarze Menschheit auf Sockeln. Mit klammen Knöcheln klopfe ich zaghaft auf eine liegende, schwarze Figur. Da erhebt sich ein warmer Ton aus deren Innerem und überträgt sich auf mich. Die Tonfigur ist eine Ton-Figur. Eingesperrter Ton. Ausgelassener Ton. Nur wer sich angreifen traut, erlebt im Begreifen eine Art Ergriffenheit. Ich staune über den seltsam weit geöffneten Mund dieser Figur. Liegt ein Flehen darin? Ein Stöhnen? Welcher Schmerz? In diesem Halbdunkel sehe ich nicht, dass es sich um einen Mann handelt. Ich sehe nicht, dass er onaniert. Ich sehe Säcke mit Gips und kaltes Wasser in Kübeln, das von weit hergetragen werden muss. Ein Fenster. Das Licht kommt von oben.

Warm ist es im Atelier des Anderen. Ich ziehe die Schuhe aus. Auch hier gibt es Regale. Eine Menschheit in Büchern, in Katalogen. Und doch kann man hier wohnen. Das Licht kommt ebenerdig breit aus dem Garten. Das Licht kommt aus dem Computer. Hier wird geschnitten, geteilt und zusammengefügt. Keine Tropfen, keine Scherben, kein Knirschen unter meinen Sohlen, und doch habe ich auch hier das Gefühl, verletzen zu können, sogar in Socken. Bunte Bilder in leuchtenden Farben stehen schon für die Ausstellung bereit. Ich suche einen Ton in den Farben. Ich suche einen Ton zwischen den Farben. Hier greife ich nichts an. Hier höre ich nicht mit den Ohren. Ich höre mit den Augen. Ein nackter Männerarsch ragt aus einem aufgerollten Gartenschlauch. Das sehe selbst ich. Aber hier sehe ich die Tuben und Pinsel nicht, obwohl ich weiß, dass sie da sind. Eine Flex, die hier Lärm verbreiten würde, gibt es wohl tatsächlich nicht. Alles ist sauber und fertig. Doch ich suche nach den Narben.

Zwei Gestalter. Eine Betrachterin.

Zwei Männer, die sich gut kennen, treffen sie sich doch seit dreißig Jahren zum gemeinsamen Aktzeichnen, gestalten eine Ausstellung. Für diese Ausstellung erschaffen sie Männer. Zwei Männer, die Männer erschaffen. Eine Betrachterin, die sich fragt, warum Männer Männer erschaffen. Sind es neue Männer, die hier gestaltet werden? Männer, die losgelöst sind von patriarchalischen Vorstellungen? Sind es Männer, die unter emanzipatorische Räder geraten sind? Sind es suchende, sich orientierende Männer? Oder gar sterbende? Handelt es sich hier um eine Status-quo-Erhebung oder um eine Quo-vadis-Vision? Ich mache mich auf eine Spurensuche.

Der Eine verwendet Hasengitter und dreht und wendet und quetscht und knautscht es, bis quasi das Knochengerüst der Männerfigur steht. Dieses knochenstählerne Skelett füllt Grabher dann mit PU-Schaum. Chemische Eingeweide, die aushärten. Dann erst gibt der Schöpfer seinem Knochengerüst Fleisch, das aus weißem Gips besteht. Wenn dem Künstler die Figur der Figur nicht behagt, bricht er sie. Er nennt das Überarbeitung, ich fühle mich an Erziehung erinnert. Schlussendlich gibt er seinen Figuren eine Haut, die aus Kleister und Pigmenten besteht. Es ist eine pockennarbige Haut, die alte Narben nicht ganz verdeckt. Es bleiben Risse bestehen, die einen Blick ins Innere zulassen. Der zarte Glanz dieser Haut berührt mich. So dünn erscheint sie. Als Frage und Bitte zugleich erscheint sie mir. Kannst du meine Zartheit sehen? Bitte verletze mich nicht. Als wäre diese Frage-und-Bitte-zugleich der stählerne Stachel, auf dem die Figur festgebannt ist.

Während ich alle Plastiken miteinander in einem stillen Kontext betrachte, beginne ich zu sehen, dass alle diese Männer ihre Arme in ähnlicher Weise bewegen: Als könne das Schulterblatt sich freier bewegen und Arme zu angedeuteten Flügeln werden. Es liegt ein Tanz in dieser Bewegung, für die es keine vollständigen Beine braucht. Der Mann muss nicht seinen Mann stehen, um zu fliegen. Sein Fliegen beginnt im Herz.

Der Andere sucht die Bestandteile für seine Männer in Fotografien. Er schaut nach Bewegungsab­läufen in Menschen, Tieren, Pflanzen und technischen Objekten und bringt am Computer durch Ausschneiden zur Deckung, was sich fügt. Die Nahtstellen solcher zusammengefügten Bilder lässt der Künstler sichtbar – sie sind jene Narben, die ich gesucht habe. Auf solche Weise wird dem Mann die Technik zum belasteten Rücken, er verschmilzt mit dem Gartenschlauch oder verschwindet gar in den zu gießenden Grünpflanzen. All dieses Verschmelzen wird via leuchtender bis greller Ölfarben auf die Leinwand übertragen. Was ich auf dem Bildschirm jedoch noch als Verschmelzung betrachte, wird auf der Leinwand zur Gefangenschaft. Die fröhlichen Farben stehen in lustvollem Widerspruch dazu. So lässt Leissing einen Mann in einem gelb leuchtenden Kunstobjekt untergehen und nennt das Werk „TraumeuterFall­geschwindigkeit“. Oder er verleiht einem Mann die Flügel des prominentesten mitteleuropäischen Edelfalters, des Kaisermantels, und lässt ihn gleichzeitig in einer Position verharren, in der es unmöglich ist, zu fliegen. So ziehen mich denn auch die zarten Fühler des in sich verhedderten Schmetterlingsmannes in Bann. Fühle, bevor du träumst. Oder träume, um endlich zu fühlen.

Zwei Sprecher. Eine Zuhörerin.

Schau dir die Finger an, sagt Markus Grabher, sie haben auch etwas Kämpferisches. Es ist nicht Angst, was ihnen inneliegt, mehr das Bewusstsein, dass es jederzeit notwendig sein könnte, aus dem Tanz eine Flucht zu kreieren.

In der griechischen Mythologie gibt es den „Kugelmensch“, sagt Edgar Leissing. Dieser hatte vier Hände, zwei Köpfe, vier Füße und war zweigeschlechtlich. Er konnte das Rad schlagen, das hat dem Zeus nicht gepasst. So nahm er ein Pferdehaar und trennte den Kugelmenschen in Weib und Mann. Seither sucht jeder seine bessere Hälfte.

Während ich das Gehörte in meinem Kopf zusammenfüge, konstruiert sich eine einzige Frage. Ist es prinzipiell möglich, einen Mann (als Malerei, als Plastik…) zu gestalten, der nicht automatisch die Assoziation „Frau“ als Gegensatz hervorruft. (Ich kann „Mann“ nur denken, wenn ich ihn von „Frau“ unterscheide.)

Noch einmal stehe ich vor den Werken und lasse wirken. Eros braucht die Gegensätzlichkeit, denke ich, Philia braucht die Verschmelzung und Agape die Hingabe. Eros erzeugt Wunden, Philia heilt sie und Agape überwindet sie. Ich stehe also in einem Raum, in dem ich Eros nicht mehr wahrnehme, die Frau als bessere Hälfte zum Mann verschwindet. Ich stehe in einem Raum, in dem Philia wie als Versöhnung des Mannes mit sich selbst über allem schwebt. Von beiden Künstlern wird vorsichtig und doch kraftvoll ein ganzheitliches Körpergefühl des Mannes ausgedrückt: zart und heftig, leise und laut, blass und grell, stolz und gekränkt, einsam und doch sich erweiternd. Dieses Gefühl wirkt wie ein Organ. Wir unterlassen es jedoch, einen Organhandel damit zu betreiben und nehmen es dankbar an. Wir benötigen es für den eigentlichen Koitus mit uns selbst: für die Einsicht, dass Männer und Frauen so unterschiedlich nicht sind; für die Erkenntnis, dass Menschsein bedeutet, den anderen in sich selbst zu spüren; für die Erleuchtung, dass Frieden in der Auseinandersetzung mit sich selbst gründet.

Ich stehe also in diesem Raum und staune. Die Sollbruchstellen einer patriarchalen Gesellschafts­ordnung lösen sich durch die mutige Narbenschau zweier Künstler auf. Dass ich darauf schauen darf, ehrt mich.

Gabriele Bösch, April 2018

KörpermaterialTransformationen

Von der Kunst, zu kuppeln

Edgar Leissing bat mich vor einiger Zeit, für die Vernissage der Ausstellung „AnknüpfungsDrehpunkt“ eine Einführung zu gestalten und ein Essay für diesen Katalog zu schreiben. Er begründete dies so: „Weil Du vom Tanz kommst und mich Deine Interpretation interessiert. Ich verstehe ja nichts von Tanz.“ Letzteres hat mich sehr überrascht. Mehr noch, ich bin vom Gegenteil überzeugt. Edgar Leissings Ahnung von Tanz und Körperwahrnehmung hat nicht nur Einfluss auf seine Bilder. Sie dringt darüber hinaus in weit tiefere gesellschaftliche Thematiken. Als souveräner und herzlicher Gastgeber versteht er es, Menschen unterschiedlichster künstlerischer Fachrichtungen und Gesinnungen auf direktem Weg miteinander in Kontakt zu bringen. Dass diese Ausstellung im „Drehpunkt“, Studio für ganzheitliche Bewegung stattfindet, könnte passender nicht sein. In den ausgewählten Bildern geht es ebenfalls um Drehpunkte. Um solche, die für das betrachtende Auge neu und ungewöhnlich sein dürften, hin und wieder irritieren, aber auch interessante Möglichkeiten bieten, die Welt und deren ProtagonistInnen in einem anderen Licht zu sehen.

Ich selbst bin dem zeitgenössischen Tanz vor etlichen Jahren leidenschaftlich verfallen. Seitdem betrachte ich ihn aufmerksam und trainiere mich darin, ihn praktisch und theoretisch zu erfassen. Das Vernetzen von Tanzschaffenden und das Schreiben über Tanz ist mein beruflicher Fokus. Ein Studium kann ich nicht vorweisen, ich bin Autodidaktin. Das ist wohl das, was Edgar und ich gemein haben. Auch er erschloss sich die bildende Kunst selbst. Ausgestattet mit etwas, das man sich nicht er-studieren kann: einem großen Talent. Über all die Jahre seines Schaffens hat er einen ganz eigenen Spürsinn entwickelt, Farben und Körperformen so zu komponieren, dass komplett neue Realitäten entstehen.

In einem bekannten Online-Lexikon steht: „Choreographie (altgriechisch χορός ,Tanz‘ und γράφειν ,schreiben‘) bezeichnet heute das Erfinden und Einstudieren von Bewegungen, meist in Zusammenhang mit Tanz. Eine Choreografie wird ebenso wie eine musikalische Komposition als Kunstwerk betrachtet.“

Das Erfinden von Bewegungen in Zusammenhang mit Tanz findet in Edgar Leissings Ölbildern und Zeichnungen tatsächlich statt. Er lässt Körper miteinander verschmelzen  zu phantastischen Welten, greifbar nah. Diese Körper, vor allem bestehend aus Mensch-Mensch, Mensch-Tier, Mensch-Pflanze oder Mensch-Objekt setzt Edgar basierend auf einer Fülle an Fotomaterial zuerst in einem Bildbearbeitungsprogramm am Computer zusammen. Grundlage der menschlichen Körperverschmelzungen ist der Abendakt, der seit rund 30 Jahren jeden Montag Menschen mit Zeichenerfahrung einlädt, gemeinsam das jeweilige Aktmodell aus dem Bereich Tanz, Akrobatik, Sport oder mit sonstiger geschulter Körperarbeit auf Papier zu bringen. Zwei Stunden lang nehmen die Modelle unterschiedliche und ungewöhnliche Posen ein und halten diese zehn bis fünfzehn Minuten lang. Ein schwieriges Unterfangen nicht nur für sie, auch die Zeichnenden erfahren Körper-bannende Herausforderungen. Genau das ist es, was Edgar Leissing sucht. Die komplizierteren Stellungen. Jene, die geübte TänzerInnen und Turner präsentieren und auch halten können.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, den Abendakt im Atelier in Schwarzach zu besuchen, kennt Edgar Leissing in Aktion. Elegant bewegt er sich durch den Raum, begrüßt Modell und Zeichnende, gibt den Start in die jeweilige Session, hält die Uhr im Auge, lässt den Bleistift rasant über‘s Papier tanzen und greift spontan zur Kamera, um eine bestimmte Position, einen besonderen Ausdruck digital zu konservieren. „Noch eine Minute. Stop! Nächste Pose.“

Sehen, koordinieren, probieren, zusammenstellen, kommunizieren. Das ist es, was er tut und nichts anderes machen ChoreografInnen mit einem Tanzstück. Würde man die Wege von Edgar Leissings Händen und Füßen mit einem Stift auf dem Boden markieren können, es würde eine wunderbar schwungvolle Bewegungsschrift mit Drehungen und Sprüngen, Ruhe und Dynamik, kleinen und großen Schritten entstehen. Diese findet sich, übersetzt in eine andere Kunstform, aber spätestens in seinen Bildern, in denen er Körper und Objektteile auf chirurgisch präzise Art miteinander verbindet. „Nicht zu perfekt“, sagt er selbst. Es gab auch schon Bilder mit unsichtbaren Nähten. Das interessiere ihn aber jetzt nicht mehr. Mittlerweile darf es erkennbar sein, wo und wie die Körper sich begegnen und zu einem Ganzen verschmelzen. Was nun in den Bildern passiert, die via Projektion mit Bleistift auf Papier oder Öl auf Leinwand gemalt werden, ist eine neu interpretierte Bewegungssprache. Edgar Leissing legt Wert auf die Balance und die Proportionen und auf die Statik, wenn er unterschiedliche Körper am Computer miteinander verknüpft. Stets verbunden mit der Frage „Passt es zueinander, stimmen die Größenverhältnisse, ist Alles im Gleichgewicht?“

Seine langjährige Erfahrung in Handwerk und Kunstschaffen und die so typische Handschrift stecken hinter dem Vermögen, Bildkompositionen wie diese über das Fotorealistische hinaus lebendig zu machen. „Man kennt mich als Maler, also male ich.“, sagt er. Seit neuestem kennt man ihn auch als Kuppler. Edgar Leissing lässt Menschen bereits miteinander verschmelzen, bevor sie sich überhaupt kennengelernt haben. Er bringt Organisches in Kontakt. Und um in seiner Titelgebungssprache zu bleiben, er macht das als WeltbildBeziehungschoreograf.

Mirjam Steinbock, November 2015

FaltenwurfZusammenspiel

FaltenwurfZusammenspiel

Im Rahmen eines gemeinsamen Ausstellungsprojektes nähern sich die beiden Künstler Edgar Höscheler und Edgar Leissing dem Thema „Faltenwurf“ an. Und zwar auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Während sich bei den Zeichnungen und Ölbildern des 1960 in Bregenz geborenen Leissing alles um die Falten der Juppe, also der traditionellen Bregenzerwälder Tracht dreht, erzeugt Höscheler Faltenstrukturen der anderen Art, in dem er natürliche und gefundene Materialien wie Schwemmhölzer, Moos, Äste, Rechenkrallen oder angekohlte Hartfaserplatten und anderes an- und ineinanderreiht, assembliert, zusammenfügt und auf Bildträger montiert.

Von der nackten Haut bis zur angezogenen Festtagstracht

Die Idee zu den Juppen-Zeichnungen und Gemälden ist eigentlich während der Aktzeichnungsworkshops entstanden, die Leissing seit nunmehr 30 Jahren in seinem Atelier durchführt. Eine Künstlerin aus dem Bregenzerwald, die eine Zeitlang auch regelmäßig den Abendakt besuchte, bot sich Leissing zufolge an, Modell und Juppe zu organisieren.

Leissing: „Sie selbst bekleidete sich in der ersten Sequenz Schritt für Schritt mit Unterrock, Leibchen, das zweite Modell schnürte den Faltenrock und half beim Anlegen des Gürtels, Mieder, Bleatz, Schößle, blauer Schal um den Hals und Scheahuot auf den Kopf.“ Man kam auf den Geschmack und wollte mehr Bewegung ins Spiel bringen. Und in der Folge wurde mit Veronika Larsen eine ursprünglich aus Alberschwende stammende Tänzerin und Tanzpädagogin eingeladen, die mit ihren Performances in Bregenzerwälder Tracht und dem Buch- und Filmprojekt „Folta“ bereits großes Aufsehen erregt hatte. Leissing: „Sie stand uns quasi nur im gefältelten Linnen einer ausgedienten Arbeitstracht Modell. 500 schwarze Falten über nackter Haut ohne Bleatz, ohne D‘rügschtuklat Güortol, ohne Keadora, ohne Vöortuoh und allem Drumherum … Sie tanzte sich wild ein wie bei einem Derwischtanz. Es blähte sich die schwarze Juppe auf zum Klang der schwarzen Bassklarinette von Edgar Höscheler. Strenge gerade Falten wurden gebogen, ergaben Formspannungen wie bei barocken Röcken, wie bei japanischen Geishakimonos oder auch bei der blauen afghanischen Burka.“

Im Rahmen dieser Sitzungen sind mehrere Serien von Zeichnungen entstanden. In einer etwa fertigte Leissing mit Bleistift und Buntstift auf Papier Studien zur Festtagsjuppe an. In einer andern Reihe skizzierte er den fulminanten Tanz Larsens mit der Juppe. Kennzeichen all dieser Zeichnungen sind die Leichtigkeit und der Schwung, mit der der Künstler seine Stifte führt. Zum Juppentanz Larsens ist auch umfangreiches fotografsches Dokumentationsmaterial entstanden. Diesem entnahm Leissing Juppenfragmente als Vorlage, um damit seine gemalten nackten Schönheiten sukzessive wieder einzukleiden. Die Nackten „schlängeln sich und schlüpfen wie aus einem Kokon, die Faltenbögen wölben sich wie Blütenkelche oder Flügel über die Rücken und plustern sich wie balzende Auerhähne auf …“ (Leissing)

Natürliches, Ausrangiertes und Gefundenes als Material

Ist es bei Leissing stets der Mensch, der das Bildmotiv liefert, so sind es bei dem in Doren lebenden und arbeitenden Künstler und Architekten Edgar Höscheler (Jahrgang 1961) die anfassbaren Dinge, mit denen er seine Bild- und Objekt- welten erzeugt. Im Katalog, der zur Ausstellung erscheint, schreibt Künstlerkollegin Margot Meraner zum Schaffen Höschelers: „Dachziegel, alte Holzschindeln, Schneestecken und Holzrechen, die abgelöste Rinde einer mächtigen Pappel, Lianen, Moos, Rhabarberblätter oder ein hinausgeworfener Christbaum. Mit feinem Gespür für die wahre Natur des Materials, mit handwerklichem Geschick und nicht zuletzt mit unbändiger Spiel-Lust wird hier (scheinbar) Wertlosem neue Wertigkeit verliehen: zur Form gebracht, als Bild im Raum, als Raum in der Landschaft, sich dem Betrachter öffnend.
Ein unvertrauter Blick auf Vertrautes, dabei findet eine Art ‚reframing’ statt, oft temporär, sich verändernd, sich wieder auflösend.“

Materialien aus der Natur, aber auch Weggeworfenes bis hin zum Müll bezeichnen also die Bausteine von Höschelers Kunstwerken. Beispielsweise hat ein Junge auf einem Feld Hartfaserplatten angezündet. Dadurch löste er ein gewaltiges Feuer aus, so dass die Feurwehr aufmarschieren und löschen musste. Die verkohlten Reste ließen sie liegen. Höscheler sammelte sie ein und arrangierte passende Stücke auf einem hölzernen Bildträger. Mit etwas Phantasie ähneln die rundlichen, angesengten Hartfaser- teile dem Querschnitt einer Juppe von unten betrachtet. Oder das Schwemmholzbild: Hier sammelte der Künstler über einen ganzen Sommer hinweig geeignete Schwemmhölzer entlang der Rothach, einem Zufluss der Bregenzer Ache. Die Hölzer hat er derart auf einer 70 mal 430 cm großen Pappelsperrholzplatte angeschraubt, dass sie sich zu einer ungemein substanziellen, wie im Fluss befindlichen Struktur verdichten. Pappelsperrholz ist übrigens der Hauptbildträger des Dorener Künstlers.

Spezieller Ort der Kunst

Aber nicht nur das Ausstellungsthema „Faltenwurfzusammenspiel“ der Höscheler-Leissing-Werkschau ist speziell, sondern auch der Ort der Präsentation, der stillgelegte Wälderbähnle-Bahnhof Doren-Sulzberg, bei dem die Gemeinde vor etlichen Jahren zwar das Dach ausbesserte, der aber leit Langem dahindümpelte und dem Zerfall preisgegeben war. Höscheler, im Hauptberuf ja Architekt, hat ein Faible für die Wiederbelebung leerstehender, ungenutzter Räume und Bausubstanzen. Ihn habe dieser Bahnhof regelrecht „angefleht“, etwas aus ihm zu machen. Sein Vorschlag zur Reanimation des Gebäudes kam sowohl beim Land, dem der Bahnhof gehört, als auch bei der Gemeinde, die ihn verwaltet, gut an und er erhielt Unterstützung zugesagt, den Bau zu renovieren. Höscheler brach die Wände gleichsam im Allein- gang heraus, verputzte den Rest neu, zog einen Holzboden ein und erneuerte Fenster, Türen und Elektrik. Im nächsten Jahr soll die Außenhaut des Bahnhofes auf Vordermann getrimmt werden. Momentan hat Höscheler sein Atelier dort eingerichtet. Neben etwaigen Ausstellungen und gemeinsamem Arbeiten mit anderen Kunstschaffenden vor Ort böte sich dieser „Kunstraum“ aber etwa auch für Lesungen und Kleinkonzerte an. Was aber letztlich alles noch daraus wird, steht noch in den Sternen. Denn beispielsweise fehlen noch die sanitären Anlagen. Und die sind trotz der Unterstützung von Land und Gemeinde eine Kostenfrage.

Jedenfalls steht der Bahnhof in interessanter Lage. Er befindet sich fast mitten im Campingplatz, in der Nähe des Tiergnadenhofes, und er ist Ausgangspunkt des Radweges in Richtung Egg, der ungemein beliebt ist. An manchen Tagen parken dort bis zu 50 Autos, so Höscheler. Mit der weiteren Nutzung des Bahnhofes könnte hier ein feines Kleinod der kulturellen Begegnung heranwachsen.

Karlheinz Pichler, 2015, Kultur, Juli-August 2015

FarbkörperGleichklang

Bilderblüten pflücken

I
Überall, wo er hinsieht: Bilderblüten. Damit hat alles angefangen.
Er pflückte Bilder von Plakatwänden, von Bildschirmen, aus Zeitungen. Oder er betrachtete die Welt durch den Sucher, zoomte nahe heran, stellte auf die Statisten scharf. Alltagsschnipsel, die er neu zusammenklebte. Auf die Rückseite von Entwurfspapier. Dann schob er sie vorsichtig in Klarsichtfolien, den schwarzen Ordner zu den anderen ins Regal.

II
Jetzt sitzt er auf der Veranda. Die Beine angezogen. Eine Gerbera in seiner Hand. Vom weißen Gartenstuhl aus erzählt er. Vom Kugelmenschen mit den zwei Gesichtern, den Zeus entzweit. In Mann und Frau. Er erzählt von seiner Frau, seinen zwei Söhnen. Seine Hände zeichnen die Konturen der Worte in die Luft. Blütenfarbverlauf von Außen nach Innen, von Pink zu Rot. Er erzählt vom Wiener Aktionismus. Von Schiele und Bacon. Vom Über-die-Grenzen-des-menschlichen-Körpers-hinausmalen. Er hält ein Blütenblatt zwischen Daumen und Zeigefinger. Gerne würde er verschmelzen, was Zeus getrennt hat.

III
einbaumharmonieseiltänzer und
großbuchstabensehnsuchtsballerina
er lässt sie aufeinander zufallen
in seinem handteller
auf der herzlinie balancierend
schneidet er die mm zwischen ihren
fingerspitzen darunter häuten sich
die weißen abgründe des alleinseins
er lässt sie ineinanderfallen
zieht ihnen die erdmäntel aus
funkenflut ausbruch
des vierbeinigen vulkans
was bleibt: eine hautkugel
sich warmwippend
für den tour en l‘air
über seine handfläche hinaus

IV
Vor dem Aktmodell kniend, sieht er über den Rand seiner Brille. Studiert nackte Körperspannung aus der Froschperspektive. Verkürzte Rundungen.  Er blickt vom Papier zum Körper zum Papier zum Zwischenraum. Seine Augen führen den Bleistift. Er zeichnet die Füße zu groß. Beinahe kann man die Wurzeln sehen, die aus den Sohlen ins Papier wachsen. Mit einem 9B- Bleistift zieht er die Konturen nach. Linienbasslauf. Wechsel, sagt er und schreibt ESCHE in die rechte untere Ecke. Dann Griff zur Kamera. Mit jedem Auslöserklicken schneidet er eine andere Ansicht aus dem Körper vor ihm.

V
SchaumkronenKronleuchter
StimmungsraumSituationselastisch
KunstlichtKorruptionsaffäre
LichtquellenDrehbewegung
GlückstraumSchlafwandler

VI
In Linienschraffuren hält er sie fest: die fotografierten Körperansichten. Von links oben nach rechts unten. Immer dieselbe Schräglage, dieselbe Handbewegung. Weich berührt die Bleistiftspitze die Papieroberfläche. Die Berührung hinterlässt Schatten auf nackter Haut. Von links oben nach rechts unten.
Später sind die Bleistifte stumpf und er greift nach der Schere. Blumen und Kuscheltiere für die Protagonisten seiner Montagabende.

VII
Er sitzt vor dem Computer. Sein Gesicht: blaustichig vom Schein des Bildschirms. Mit den Fingern trommelt er auf der Maus, während er Ebenen übereinander, ineinander legt. In den Rücken eines Knienden lässt er eine Tänzerin fallen. Knospenhermaphrodit. Unter der Haut die Haut des jeweils anderen. Ob sie sich mögen und ob aus dieser Zufallsbekanntschaft mehr werden kann, fragt er sich, ein Kugelmensch zum Beispiel. Mit der Zunge fährt er sich über die Lippen. Digitale Radiergummiflumsel. Kreisend um die aus den Bildern gelösten Figuren.

VIII
bogen um
bogen
führt der bleistift die linie
gemeinsam improvisieren sie
choreografiefedern
bogen um
bogen
von den akkorden
nackter flügelschläge
tonschwünge in schleife
bogen um
bogen
wellt sich die beamerprojektion
über seinen rücken
flimmernde rasterpunkte
bogen
um bogen
durchschreitet er um herauszufinden
wie man saiten auf
menschenkörper spannt

IX
Vorhang zu, Beamer an, Fotoabzug an Wand, Weiß aus Tube, Jazz rau, Pinsel flach, Weiß zu Hautfarbe. Entlang der Körperkonturen langsam, dann ausfüllen schnell, Strich, Strich, Muskel, Sehne, Gelenk, Hautfarbe zu Lichter Ocker. Gesicht dicht an Leinwand, mischen, nass in nass, mit dem Finger verwischen, CD-Wechsel, Ocker zu Siena gebrannt. Karton vorhalten, Kontrolle, Pinsel tanzt, Karton, Unterarm, Unterschenkel, Siena zu gelb. Pinsel an Wand abstreifen, Blick nach oben, Verlauf schwingend, Rundung um Rundung, Gelb zu Orange. Körper wächst, wächst, in Tiefe, aus Leinwand, modellieren, Orange zu Rot. Gesicht schattig, Ohr losgelöst, hinauf auf Werkzeugkoffer, Körper verwächst, Rot zu Umbria gebrannt. Dunkler, tiefer, unter Finger, Zehen, wieder runter, Tube leer, Umbria zu schwarz. Vorhang auf.

X
In jedes Ölbild malt er eine Geschichte. Manchmal trägt er sie in seinem Atelier vor. Mit dickflüssiger Stimme. Da gibt es eine Tänzerin, die ihren Körper im gelblichen Licht faltet. Da gibt es das Schwingen von gefältelten Juppenröcken. Da gibt es Turner mit synchron gespannten Muskeln. Da gibt es Komposition, Mutation, Metamorphose. Während er spricht, blickt er durch seine blasse Spiegelung in der Glasscheibe hindurch auf die Veranda. Leinwände lehnen dort. Trocknend. Auf ihnen hat er die Restfarbe im Pinsel abgestreift. Fast könnte man meinen, er streife dort auch sein Restworte ab, um einen neuen Hintergrund zu schaffen.

XI
Die richtigen Worte sind schwer zu finden, sagt er. Deswegen sammelt er sie in einem Karton. Damit er schöne Worte hat, wenn er welche braucht. Immer wenn die Ölfarbe getrocknet ist, öffnet er den Karton. Schöpft seinen Handteller voll. Er benennt seine Bilder in Großbuchstaben. Mit Wortzufallsbekanntschaften.

XII
ZeigedrangSchwarzseher
FarbduftStimmungserinnerung
SeelenlandschaftScheinheilige
ZuckerwatteWeitblick
AlltagsbilderBlütenpflücker

XIII
Das sei ja. Nein so was könne man doch nicht. Porno-. Interessant, diese Anspielung auf. Der Titel so. Verstörend. Die Farben drücken aus, dass. Wer so was malt, der muss. Leid und Verletzung. Immer wieder faszinierend diese. Schau mal, die auf dem Bild sind. Unschönheit. Höchstens ins Schlafzimmer. Poetisch. Der hat sich sicher gedacht, dass. Also für meinen Geschmack zu. -grafie. Sagen die Leute und er verschränkt die Arme. Legt den Kopf in den Nacken. Sein Lachen riecht nach frischer Ölfarbe.

XIV
Überall, wo er hinsieht: Bilderblüten. Das Bilderblütenpflücken, denkt er, damit hat alles angefangen und das mache ich jetzt noch. Er tritt von der Leinwand zurück. Farbflecken an der Wand, nur noch an ein paar Stellen schimmert das Weiß durch. Schritt für Schritt nach hinten. Kurzer Blick durchs Atelier. Gestapelte CDs, schwarze Ordner, Kataloge mit seinem Namen darauf. Dann wieder auf die unfertige Leinwand. Er bleibt stehen. Von hier aus sieht er die miteinander verwachsenen Körper klarer konturiert. Hautfarbschattierungen. Ich werde die Leinwand hinaus tragen, denkt er, eine Bilderblume pflanzen. Zufrieden, wie weit er auf seiner Suche nach Harmonie schon gekommen ist.

Sarah Rinderer, 2013

PhantasieEntfachungsenergie

PhantasieEntfachungsenergie

Diese scheinbare Leichtigkeit, mit der Edgar Leissing seine Figuren bestückt, mit einer barfüßigen Schwere eines scheinbar statischen Lebens, das nie wirklich den Boden berührt und vielleicht auch nie wirklich schweben will. Aggregierte Zustände. Geerdet und doch keine Verortung. Lost in time and lost in space. Kein Raum, nirgends, um die Figuren seiner Begierde festzumachen. Unvertäut liegen sie wie Boote am Kai und doch treibt sie nicht eine Sehnsucht nach der unendlichen Ferne. Nichts scheint fehl am Platz. Findlinge, wie von einem Gletscher vor langer Zeit abgelegt …

Thomas Schiretz, November 2011

Edgar Leissing in Wien

Zuletzt sorgte der Bregenzer Künstler Edgar Leissing in Wien für Furore. Nicht nur, dass sich sein Gemälde „SchwellenangstEkstase“ von 2003 in der bis 30. Januar 2012 laufenden Ausstellung „The Excitement Continues“ im Leopold Museum unter die Gesellschaft so prominenter Namen wie Adolf Frohner, Kiki Kogelnik, Elke Krystufek oder Erwin Wurm mischt. Leissings Arbeit wurde für die Schau, die mit zeitgenössischer Kunst nach 1945 einen bisher kaum bekannten Sammlungsschwerpunkt aus den umfassenden Beständen der Privatsammlung von Museumsgründer Rudolf Leopold zeigt, gar zum Titelsujet gewählt, das Rauschzustände bzw. den Rausch der Bilderflut grandios repräsentiert.

Im Zeichen des Tieres

Doch die Aufregung um Bilder, wie sie im Leopold-Ausstellungstitel antönt, geht auch für Edgar Leissing noch weiter. Denn eigentlich stand das Jahr 2011 für den Maler und Grafiker ganz im Zeichen des Tieres.

Das künstlerisch-gestalterische Prinzip ist dasselbe geblieben, wenn zusammenkommt, was nicht zusammengehört, aber Leissing wäre nicht Leissing, wenn er nicht dem Bekannten auch wieder etwas Neues abzugewinnen vermöchte: Nach wie vor sind es Körperverschmelzungen, diesmal zwischen Menschenmodellen, die per Zeichenstift aus der Realität aufs Papier gebracht werden, und Tieren, speziell Vögeln, die aus einem antiquarischen Buch oder aus Leissings Archiv stammen in die Wirklichkeit des Bildes gehüpft sind.

Bilderjäger und Bilderjunkie

Diese „Kollisionen“ sind die eigentliche künstlerische Domäne von Bilderjäger und Bilderjunkie Edgar Leissing. Seit über 20 Jahren sammelt und archiviert der Bregenzer Künstler Bilder aus der massenmedialen Reproduktion. Herausgelöst aus ihrem Kontext, extrahiert aus der Flut von Bildern, die uns in Zeitung, Fernsehen und am Computer tagtäglich überrollen, arrangiert der Maler, Zeichner und Grafiker die Bilder jenseits gewohnter Bahnen neu, würden sie sich doch ansonsten zu Tode langweilen. In jüngster Zeit „klaut“ der Künstler weniger Bilder, als er sich vielmehr auch mit der Fotokamera auf die Bilderpirsch begibt – auf Reisen oder beim allwöchentlichen Aktzeichnen im Atelier – und auch zur anschließenden Bearbeitung der Motive die Möglichkeiten digitaler Technik gerne nutzt.

Diesen Crash widersprüchlichster Realitäten betreibt Leissing  in Perfektion: „(Ich) … knüpfe neue Verbindungen mittels Farbe, Form und Bewegung; führe Menschen zusammen; menschliche Körper, Körperteile, Blumen und Tiere; und lenke sie auf eine neue Umlaufbahn; um den eigenen Kosmos neu zu erforschen.“

Ariane Grabher, November 2011

EindruckschinderMetamorphosen

Ein Bilder-Junkie on the way home oder alpine Metamorphose

Ein paar Schritte noch und er war ganz oben angelangt. Dort saß ein alter Mann auf einer Holzbank, angelehnt an die schiefergrauen Schindeln der Alphütte. Direkt vor ihm befand sich eine Art eiserner Dreifuß, auf dem ein emaillierter und stark verschmutzter Kessel stand und in dem etwas zu köcheln schien. Als er näher kam, sah er zwei Hörner, die elegante Krucke einer Gämse. Zwischen dieser und über den Pott hinausragend lag ein Kanteisen, das den Zweck hatte, die Krucke so zu fixieren, damit sie aufrecht im kochenden Wasser zu stehen kam und seitlich nicht umkippen konnte, denn in dem wallenden Sud tänzelten die Hörner wild auf und ab und ein scharfer Geruch nach verwestem Fleisch, verbranntem Fell, fetter dunkler Erde und Wildkräuter hing in der Luft. Das bedrohliche Geräusch von brennendem Gas war zu hören. Der Alte starrte unentwegt in die sprudelnde Brühe, die aufschäumte und in unregelmäßigen Abständen kleine bleiche Fleischstückchen und fingernagelgroße Bruchstücke von Knochen an die Oberfläche quirlte.

Der Alte tauchte hin und wieder eine alte verrostete Schöpfkelle in den Sud, um damit den unansehnlichen grau-weißen Schaum, der hin und wieder über den Rand schwappte, dort mit einem lauten Zischen verdampfte und dunkelbraune Krusten auf der Topfwand zurückließ, abzuschöpfen. Er nahm das Kanteisen weg, fasste nach einem der Schläuche, hob den Schädel aus der kochenden Brühe, und ging zum Brunnen. Er tauchte den dampfenden Schädelknochen in das kalte Quellwasser. Auf diese Art der Behandlung reagierte das bleiche Objekt mit einem kurzen Zischen. Schließlich legte der Alte die ausgekühlte Gämsenkrucke auf den Scheitstock, der neben der Gasflasche an der Hauswand stand.

Der Fremde betrachtete die nahezu kalkweiße Trophäe. Der Unterkiefer war fein säuberlich vom übrigen Schädelknochen abgetrennt worden. Der Alte setzte sich, nahm ein altes verschmutztes Handtuch, das neben ihm lag und legte es über seine Oberschenkel. Er griff nach der Krucke und legte sie sich auf seinen Schoß. Aus der Brusttasche seines zerschlissenen und in die Jahre gekommenen Arbeitskittels zog er eine dünne Flachzange heraus, fuhr damit geschickt in sämtliche Öffnungen des Schädels und zog dort Reste von Sehnenansätzen, Periost und Knorpeln, die hartnäckig an den Knochen klebten und durch das Auskochen nicht gänzlich abgegangen waren, hervor. Immer wieder, wenn er mit seiner Zange fündig wurde, gab es ein leises eigenartiges Geräusch, wie wenn man ein rohes Ei zerdrückt, sodass es dem Fremden bei jedem Knacken einen leichten Schauer über den Rücken jagte. Er staunte über die Schnelligkeit und die Geschicklichkeit des alten Mannes.

Der Alte griff in die Hakelung, die Krümmung der Krucke, und versuchte sie zu bewegen. Mit einem Ruck drehte er die Krucke, sie löste sich vom übrigen Schädel, und die knöchernen Stirnbeinzapfen wurden sichtbar.

Thomas Schiretz, Oktober 2010

SinnzertrümmerungsMutationen

SinnzertrümmerungsMutationen

Der Bregenzer Maler Edgar Leissing ist ein Künstler des heutigen Manierismus. Die von ihm gemalten Figuren tänzeln, schrauben und winden sich um ihre eigenen Achsen. Menschenpaare finden sich in schrillen Kombinationen, in seltsamer Balance und in unerwarteten Nachbarschaften. Edgar Leissing lässt in der Bildserie SinnzertrümmerungsMutationen Zwitterwesen auftreten. Mit ihren inneren Verwachsungen spiegeln diese Figuren eine Sehnsucht nach Liebe und Einheit, wie sie bereits ursächlich vom griechischen Dichter Aristophanes beschrieben wurde. Im Versuch, das Mysterium der Liebe und das Geheimnis der Begierde zu entschlüsseln, erklärte dieser den Mensch als ehemals doppelköpfiges und vierbeiniges Wesen. Göttervater Zeus soll diesen Hermaphroditen entzweit haben und der Künstler führt ihn wieder zusammen.

Winfried Nussbaummüller

Körperverschmelzungen

Die neuen Ölbilder entstammen der Serie der „SinnzertrümmerungsMutationen“, als Weiterführung des Themas „KörpercollageHermaphrodit“, mit dem sich Edgar Leissing nach wie vor intensiv auseinandersetzt. Ausgehend von Hermaphroditos, jener Gestalt der griechischen Mythologie, Sohn von Aphrodite und Hermes, der durch die Verschmelzung mit der Nymphe Salmakis zur Zwittergestalt wurde, vereinigen sich auch in Leissings Malerei Menschen, die sich meist gar nicht kennen. Auf Leinwänden und in Bildern wachsen Körper zusammen, die im tatsächlichen Leben vielleicht noch nicht einmal im selben Raum waren, im Gemälde jedoch zur vollkommenen Einheit werden. Die Bildmotive gehen auf fotografische Vorlagen zurück, die während des allwöchentlichen Aktzeichnens entstehen. Musste sich Leissing seine Sujets in analogen Zeiten noch via Diaprojektion zusammen sampeln, so lässt die digitale Bearbeitung am Computer einiges mehr zu und eröffnet neue Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren. Feiner, schneller und variabler sind plötzlich Kombinationen aus 5 bis 6 übereinander gelegten Ebenen möglich. Das am Bildschirm entstandene Skizzenmaterial wird auf Leinwände übertragen, deren Hintergründe ungleich flüssiger und leichter, weniger pastos, als zuletzt sind. Beibehalten hat der Maler indes seine Angewohnheit, die benutzten Pinsel nicht in einem Tuch auszudrücken, sondern auf einer neuen Leinwand, sodass von den alten Bildern stets auch etwas in ein neues Gemälde übernommen wird. Leitmotiv Leissings sind und bleiben die extremen Bewegungen des Körpers – auch wenn die Posen der Tänzerinnen und Tänzer, die für die jüngsten Werke Modell gestanden haben, zumeist auch einen sehr erotischen Touch haben.

Ariane Grabher