Zeichnungen

HaarspalterHaarmonie

HaarspalterHaarmonie oder der Oliver Twist Schnitt

Seit nunmehr 20 Jahren
gestalte ich die Plakate für das Theater KOSMOS in Bregenz
und fotografiere die Schauspieler für das Programmheft.

Nun habe ich einige der Probenfotos aus dem Archiv ausgegraben
und sie mit Bleistift auf Papier übertragen
schraffierend von links oben nach rechts unten.
Die Haare wurden bewußt ausgespart
und später durch etliches Getier
aus dem Naturkundebuch aus den 60er Jahren ersetzt.
So werden die langen Hornfäden
die in diesem Sinne nur bei Säugetieren vorkommen
zum wärmespeichernden und tarnenden Fell
oder zum farbenprächtigen Federkleid
sie werden zur hornschuppigen Fischhaut
oder zur aus Knochenplättchen bestehenden Körperhülle
von Krokodilen und Gürteltieren
oder zu wiegenden Polypen im Strom der Gezeiten
die Korallen wie unterseeische Blütenpflanzen wirken lassen.
Und sie schmiegen sich schnittlauchig gewellt
schlangenartig eingedreht oder widerspenstig strubbelig
an die Kopfhaut der Protagonisten.

Meinem Vater kann ich nicht viel ankreiden
aber er bestand auf kurz geschnittene Fingernägel
und einen, monatlich in Fasson geschnittenen, Oliver-Twist-Schnitt.
Das war traumatisch.
Oliver-Twist-Schnitt klang lässig – aber war nicht lässig.
Jedesmal wenn ich mich in dem großen Spiegel sah
wenn mir der Frisör mit dem kleinen Handspiegel den Hinterkopf zeigte – rechts – links
wenn er mir mit dem weichen Pinsel die Härchen von Schulter und Hals wuselte
wenn er den Umhang schwungvoll abgenommen hat
und meine geliebten Haare auf den Boden fielen
und mit einem Besen zur Seite auf einen Haufen gekehrt wurden
ich die 13,- Schillinge plus Trinkgeld bezahlte
und knieweich zur Tür hinaus ging
standen mir die Tränen in den Augen
ich hätte aus der Haut fahren können
und ich schämte mich zu Tode.

Mit 12 versuchte ich die regelmäßigen Frisörbesuche zu umgehen
und lies mir nach dem Rudern von Sissy eine Pilzkopffrisur schneiden.
Die Mädchen hatten ihren Spaß und zopften und machten
und steckten mir ein rosarotes Mäschchen ins Haar
und ich hab die ganze Fummelei an meinem Kopf das erste mal sehr genossen.
Später in der Umkleidekabine schmiss ich mich zufrieden in mein Sonntagshäs
graue Hose, weißes Hemd, blauer Bläser mit Wikingemblem an der Brusttasche
und ging vom Ruderverein an der Seepromenade entlang am Milchpilz vorbei
Richtung nach Hause und wunderte mich warum mich die Leute so komisch ansahen
und zufällig schau ich beim Hofmann ins Schaufenster
und seh das rosarote Mäschchen im Haar und versinke im Boden.

Mein Vater war gar nicht zufrieden mit dem Pilzkopf
und ich durfte am kommenden Wochenende
an einer Regatta in Überlingen nicht teilnehmen.
Durch die Scheidung meiner Eltern
entzog sich aber der Einfluß meines Vaters so langsam
und mit 13 hab ich beschlossen nicht mehr in die Kirche zu gehen
und meine Haare nicht mehr zu schneiden.

Ich hatte immer die längsten Haare in der Klasse
nur Herbert Bentele konnte einigermaßen mithalten.
Vielleicht hatte er ja auch dieses Fisörmartyrium durchgemacht.

Am liebsten kaute ich seitlich an meinen Haarsträhnen herum
und nur wegen dem Haarfraß (Haarspliss)
durften meine damaligen Freundinnen mir die Spitzen schneiden.

Während der Zeit in München liesen sich die Punks rote Irokesen zusammenkleistern
und hüpften und schupsten wie die Blöden zu den Sex Pistols und Clash herum.
Falco und ich hatten je nach dem Rossschwänze oder ein Lederstirnband
und hörten Frank Zappa oder dann Listening Wind von den Talking Heads
und mein Stockbettgenosse Acki hatte einen Popperschnitt
und tanzte zugedrönt am liebsten zu Katja Ebstein.

Als ich den Zivildienst als gärtnerischer Pflegearbeiter in Wien absolvierte
und ich eines schönen warmen Tages im Mai mein T-Shirt auszog
während ich zufrieden Blumenrabatte zu einem 3-farbigen Muster gestalten durfte
hat sich eine grantige Wienerin beim Chef empört:
Da würde doch glatt eine Gartenarbeiterin oben ohne Blumen setzen.
Meine Haare waren inzwischen so lang
dass sie bis zum Hosenbund reichten und ich wurde öfter für ein Mädchen gehalten.

Selbst bei der Geburt unseres ersten Sohnes
hat sich der Primar Dr. Berlinger gewundert
dass meine Frau nicht den Vater des Kindes sondern die Tante dabei haben wollte.

Angie und ich haben dann unsere erste Wohnung hergerichtet
kleine Zimmer vergrößert und Wände herausgrissen und sind im Staub erstickt
und bald hatte ich 3 Filzböllen im Haar und kam mit der Bürste nicht mehr durch
nicht Rastalöckchen sondern faustdicke Filzbollen.
Schweren Herzens mussten die Haare eigenhändig geschnitten werden
nur ein dünnes Zöpfchen blieb übrig
dass ich sicher noch 10 Jahre hegte und pflegte
und meistens mit einem farbigen Wollfaden von Angie zopfen ließ.

Der Bequemlichkeit halber wurde das dann auch noch irgendwann geopfert
und seit dort gibts nur noch Stufe 3 – einmal im Monat Bürstenschnitt.

Meine frühere Identität habe ich entgültig vor 5 Jahren verloren
als mich ein Polizist bei einer Kontrolle aufforderte
endlich einen neuen Führerschein machen zu lassen
denn man würde mich auf dem Foto also wirklich nicht mehr erkennen.
Das lag wohl am Oliver-Twist-Schnitt.

Edgar Leissing, Mai 2017

FaltenwurfZusammenspiel

KörpermaterialKostümbildner

KuscheltierKörperskulpturen

Kitzelmomente


Das Futter für die Werkgruppe der Kuscheltier-Philosophen liefern die Fotos vom wöchentlichen Abendakt. Auf dieser Basis erarbeitet Edgar Leissing Aktzeichnungen in gleichmäßiger Bleistiftschraffur und kombiniert sie mit krabbelndem und kriechendem Kleingetier, welches er aus einem Naturkundebuch plündert. Die subtile Art, mit der der Künstler die Käfer, Silberfische, Vögel oder Fledermäuse auf die nackten Körpern platziert, generiert Bildfindungen, die aufgrund der maßstäblichen und technischen Differenz der Motive offensichtlich surreal sind, aber dennoch denkbar und damit auch plausibel wirken. Vom Werkprinzip ähnelt das Vorgehen den anderen collagebasierten Serien, etwa den RosenGeschicklichkeitskünstlern, den FruchtfleischBlumenmädchen oder den BlumenduftWolkenkratzern. Da wie dort geht es um ein Verschneiden der Welt zu einer neuen Kunstwirklichkeit. Die gezeichneten Männer und Frauen wirken selbstvergessen. Sie sind entrückt – wie die Kindheit oder das kuhglockengetränkte Bild einer idyllisch langweiligen Sommerfrische, die zu Mutproben mit Regenwürmern oder zu anderer Selbsterprobung anregt. Um das Gekrabble auf ihrer Haut kümmern sie sich genausowenig wie um den Betrachter. Typisch für Leissing ist die selbstsichere Zurschaustellung des Körpers: Dies gilt hinsichtlich der zelebrierten Nacktheit und der Freude an perspektivisch komplexen Verkürzungen und Windungen. Eingebettet in einen linear stilisierten Bildhintergrund beugen, krümmen und räkeln sich die Figuren, und ruhen trotz ihrer Manieriertheit ausbalanziert in sich. In Anbetracht der Kontinuität des Künstlers im massenmedialen Recycling spielen diese Turner- und Tänzermodelle mit den Facebook-Posen der Jungen. Substanziell ins Innere der amorphen Phantasiewelt Leissings dringen die Malereien vor. Während in den Collagen die Bildquellen intakt bleiben, verschmelzen sie hier zu einem Hybrid: Der Fischkopf stülpt sich wie ein Regenmantel über einen nackten Frauenkörper, der gehäutete Schweinskopf erdrückt sein Darunter förmlich und der harte Schildkrötenpanzer offeriert sich weich und verletzbar. Die Gier nach kunstvoll zelebrierter Körperverschmelzung, die auch in den Hermaphroditen Leissings spürbar ist, verschiebt sich in den KuscheltierKörperskulpturen zum Festhalten einer Berührungsintensität, einer Momentaufnahme, die an die Nadelstiche des Schmetterlingforschers erinnert. Für den Betrachter gilt es, sich im Anblick der theatralischen Inszenierung des Nebeneinanders von Mensch und Tier die eigenen Streichel-, Kitzel-, und Schreckmomente mit Maden oder Kieferrüsslern zu vergegenwärtigen. Im Bild, dem dargestellten Schlüsselreiz, spült die Erinnerung das Gefühl sich putzender Bienenfüßchen, das Kratzen oder auch den Ekel und die Ängste hoch: vor dem Schliefer im Ohr, dem Moderkäfer in der Wäsche, dem Heuschreck in den Haaren oder der Schleimspur des Wurmes. Innerlich schüttelt man sich und verscheucht das Ungeziefer. Nicht das lustvolle Zupacken, sondern eher das „zaghafte Beschnuppern“ steht im Vordergrund, das sinnliche Erlebnis, sich von selbstbewußt aufbäumenden Raupen, dicken Glanzkäfern, Marienkäfern, Wespen und Mäusen bekrabbeln zu lassen, sie also nicht gleich totzuschlagen, sondern diesen „eingeimpften Eckel zu überwinden“ und „zu genießen“.


Winfried Nußbaummüller, September 2012

EindruckschinderMetamorphosen

ParadiesphantasieEntfremdung

ParadiesphantasieEntfremdung

Es gibt kein wissenschaftliches Motiv
es gibt keinen wirklichen Anlass
es gibt nur einen Kindertraum den ich mir immer schon erfüllen möchte
und je näher ich ihm komme umso weiter entfernt er sich.
Mein Sehnsuchtsort wird dann kein Paradies mehr sein.

Mein Lieblingskinderbuch war Titi im Urwald von Mira Lobe
die spannendste Fernsehserie auf die ich jede Woche hinfieberte war Daktari
Tarzan der nackte Junge der bei den Affen aufwächst und deren Sprache spricht
und natürlich wollten wir Buben so werden wie Daktari und Bernhard Grzimek
auf Safari gehen in den Zebrajeeps mit Clarence, Judy und den Wildhütern
den Wilderern und Elfenbeinräubern das Handwerk legen
und den verletzten Tieren helfen
dann bis tief in die Nacht im Rhythmus der Trommeln
mit den schönen barbusigen, nur mit Baströckchen bekleideten, Mädchen tanzen …
Zu der Zeit hätte ich sogar das Leben eines Missionars romantisch gefunden.

Mit 8 Jahren hörte ich noch gerne die Schallplatten von Roy Black
mit 10 gefielen mir die Les Humphrys Singers, Bony M., Jesus Christ Superstar
da waren dann die Sänger bei uns zum Teil auch wirklich schwarz
ab 12 oder auch schon früher nahm mich mein Vater auf Jazzkonzerte mit
graue Hose, weißes Hemd, blauer Blazer, Haare geschniegelt (Oliver-Twist-Schnitt)
zuvor einen gepflegten “Aperitif” im Hexenstüble
Kornmarkt Theater Bregenz – ganz vorne – 2. Reihe
Keith Jarrett mit riesigem Afro und diesem unentwegten Schulterkreisen am Klavier
Paul Motion mehr am Bimmeln von Glöckchen als am Schlagzeugspielen
ich dachte damals die spinnen auch nicht schlecht
und war wohl froh als dieser Zauber vorbei war
mit 15 hörten die ganz Lässigen Woodstock und Black Magic Woman von Santana
The Black-Man’s Burdon von Eric Burdon and War und natürlich The Doors
tanzen wie die Wilden – stundenlang
die langen Haare durch die Luft wirbeln – sich auflösen – schweben
Dollar Brand’s African Piano in München hat mich fast vom Stuhl gefegt
Elvin Jones, Jack DeJohnette, Herbie Hancock und Muddy Waters
in Lustenau, am Gebhardsberg und in Montreux
Schwarze Musik hat mich schon immer begleitet und geprägt.

Mit circa 20 stieß ich das erste Mal auf die Bücher von Hugo Bernatzik (1897 bis 1953)
kaufte die alten Schwarten des Ethnologischen Fotografen auf dem Flohmarkt
und hab sie verschlungen – diese wissenschaftlich verpackten Abenteuergeschichten
war beeindruckt von der Natürlichkeit dieser Fotografien
war berührt von der befruchtenden Zusammenarbeit mit seiner Frau Emmi
war fasziniert von der Tatsache
dass es nur 50 Jahre zuvor noch diese Naturvölker gab
die scheinbar so unberührt und unverfälscht lebten wie vor hunderten Jahren.

Mitte der 80er Jahre hab ich mit gefundenem angeeignetem Bildmaterial
meine ersten Bildkombinationen auf Leinwand gemalt
visuelles Sampling mit Versatzstücken aus dem Fernsehen und aus Zeitschriften
und wie in diesem Fall hab ich Bernatzik-Fotos von rituellen Tänzen der Eingeborenen
mit Modeaufnahmen aus der Vogue verbunden
hab Initiationsrituale in unserer Kulturlandschaft
mit denen der Südseeinseln verglichen und gegenübergestellt
wir haben parallel dazu mit Körperbemalung experimentiert und performt.

Eines Tages lernte ich Claus Bernatzik und seine Frau Maria kennen
sie waren von Wien nach Bregenz gezogen und wollten ein Bild bei mir kaufen
beiläufig fragte ich ihn irgendwann ob er mit Hugo Bernatzik verwandt sei
ja – das müsse ein Großonkel gewesen sein
und obwohl er mit diesem Verwandtschaftszweig wenig Berührungspunkte hatte
hat ihn die Neugier gepackt und das Thema hat uns beide nicht mehr losgelassen.
Und so arbeiten wir nun an diesem Projekt
ohne so recht zu wissen auf welche Reise es uns führen wird.

Wir haben Kontakt mit dem amerikanischen Galeristen Kevin Conru in Brüssel
er besitzt den größten Teil der original Schwarz/Weiß-Fotos und Negative
und hat inzwischen 3 edle Fotobände über Bernatzik herausgebracht.
Wir haben schon öfter mit der Tochter Doris Byer telefoniert
die zeitlebens in mehreren Büchern bemüht war
ihren Vater ins rechte Licht zu rücken
und ihn von der NS-Vergangenheit zu rehabilitieren
von Fachkollegen seiner Zeit diskreditiert als Sensationsethnologen
und dubioser Kunstphotograph, als Plagiator und Fälscher
als Pornograph und Kinderschänder, als skrupelloser Geschäftemacher,
„politisch unzuverlässig“ und, je nach politischer Konstellation
als „jüdisch versippt“ beziehungsweise als Nazi.
Es gibt die ORF-Dokumentation Reisender zwischen den Welten (1988)
von Doris Byer und Ernst A. Granditz
(witzig dass der Film mit Musik von Laurie Anderson unterlegt ist) …

Aber nicht nur die Fotografien von Hugo Bernatzik beschäftigen mich schon seit Jahren
sondern auch die Blumenaquarelle
aus den Bildbänden Rosen I+II und Wunderwelt der Gartenblumen I, II, III
von Anne-Marie Trechslin (1927 bis 2007).

Seit 2002 entstanden aufwendige Serien
wie die RosenGeschicklichkeitskünstler und die FruchfleischBlumenmädchen
später die KunstblumenKunsthandwerker und die BlumenduftWolkenkratzer
und wie es meiner Arbeitsweise entspricht
spiele ich mit vielen Puzzleteilen
breite Zeichnungen und ausgeschnittenes Collagematerial aus
und schiebe so lange hin und her bis sich das eine zum anderen fügt.

In der neuen Serie der PardiesphantasieEntfremdungen
fertige ich zuerst eine Zeichnung einer Bernatzik-Vorlage
lass den Hintergrund linear reduziert fast verschwinden (Lost in time and lost in space)
hebe die Hauptfigur/en schraffiert und bis ins letzte Detail ausgearbeitet hervor
als zweiten Schritt ersetze ich Baströckchen, Kopfschmuck, Kultgegenstände, Waffen …
durch Blumen, Blüten, Blätter … – collagiere Teile der Blumenaquarelle
vereinige Zeichnung mit Collage – gebe dem Schwarz/Weiß Farbe
„gebe den Farbigen ein bisschen von ihrem Paradies zurück”.

Bernatzik und Trechslin hätten sich theoretisch kennen können
ihre Geburten lagen 30 Jahre auseinander
sie haben 26 Jahre zeitgleich nicht weit von einander gelebt – er in Wien – sie in Bern.
Er ein Völkerkundler auf 7 Weltreisen zu den Anderen
auf der Suche nach Naturverbundenheit, Unschuld und Stärke einer Tradition
ein Gelehrter der sich mit diamantener Unbeirrbarkeit auf dem rechten Weg weiß
ein Opfer seiner Besessenheit.

Sie eine präzise Künstlerin die zauberhafte Blumen aufs Papier brachte
die nicht stereotyp, steif, gestelzt oder konstruiert dem Beschauer entgegentreten
sie duften, atmen, leben weil das Wesentliche ihre engagierte Liebe zur Natur
ihre Bindung an Pflanzen und Erde war.
Ich verschmelze die Seelenverwandten zu einer untrennbaren Legierung.

Überrascht hat mich bei dieser Serie der enorme Arbeitsaufwand.
Einen dunkelhäutigen Menschen mit Bleistift zu zeichnen
bedeutet ein doppeltes oder dreifaches mehr an Schraffuren
ein Weißer entsteht praktisch durch gezieltes Weglassen von Linien
denn nur Kontur und Schattenpartien formen den Körper
beim Schwarzen muss ich aus unzähligen Strichen einen Grundhautton schaffen
und muss dann mit weichsten Bleistiften die schwärzesten Tiefen erzeugen
stetes unermüdliches stricheln bis zum schmerzen des rechten Handgelenkes
lässt sich oft nur durch steten Trommelrhythmus und trancehaften Singsang
der afrikanischen Musik ertragen.
Haruna Ishola, Burundi Drummers, Tinariwen, Ali Farka Toure
und die Musiker die auf Awesame Tapes from Africa4 regelmäßig vorgestellt werden
haben mich getragen und den Bleistift über das Papier tanzen lassen.
Gleichzeitig ist die Erzeugung der Blütenapplikationen eine große Herausforderung
nicht nur, dass einzelne Gewänder aus bis zu 25 winzigen Einzelteilen bestehen
sie müssen auch der Form der ersetzten Gegenstände entsprechen
sie müssen mit ihrer Farbigkeit eine Stimmung unterstreichen
und es müssen Licht- und Schattenverhältnisse berücksichtigt werden.

Peter Niedermair hat sich angeboten das Projekt mit Rat und Tat zu unterstützen
er hat mich auf die African-Lace-Ausstellung (2011) in Wien aufmerksam gemacht
die auch letztes Jahr im Vorarlberg Museum zu sehen war.
Ebenso beratend zur Seite stand mir die Ethnologin Lucia Mennel
die Vorträge zur African-Lace-Ausstellung und einen Text im Katalog beisteuerte.
Die Ausstellung widmete sich der Geschichte und kulturellen Bedeutung
der farbenprächtigen, industriell bestickten Stoffe aus Vorarlberg
welche seit über fünfzig Jahren Bestandteil der Festbekleidung von NigerianerInnen ist.
Leider sind die Versuche meine Afrika-CollageZeichnungen
parallel zur African-Lace-Ausstellung im Vorarlberg Museum
oder direkt in Verbindung mit den Lustenauer Stickereien
in der Galerie Hollenstein in Lustenau zu präsentieren gescheitert.

Dafür haben sich nun Gernot und Ruth Riedmann für eine Gegenüberstellung
ihrer wunderbaren Sammlung von westafrikanischer Stammeskunst angeboten.
Ihnen allen einen herzlichen Dank für die Unterstützung.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache
dass die Menschen auf den Fotos von Bernatzik fast vollkommen unbekleidet sind
also eigentlich die Zeit vor der Verkleidung durch die Europäer dokumentieren.
Die Baströckchen, die Lendenschürzen und Wickeltücher der traditionellen Kleidung
haben auch eher einen schmückenden Charakter als einen schützenden
wie auch die African Lace Stoffe mit ihren Verzierungen und Ornamenten
eher die Funktion haben Macht und Reichtum zu demonstrieren
oder Zugehörigkeit zu ethnischen Gemeinschaften widerspiegeln.
„Kleider machen Leute” – und sei es nur auf den Körper gemalte Farbe.
Die reliefartigen Strukturen der Stickereien sind vergleichbar
mit den Bemalungen, Tätowierungen, Ritzungen und Narbenmuster der Nigerianer
diese spitzenartigen Zeichnungen auf der Haut
sind ein optisch und haptisch besonders attraktiver Körperschmuck.

Interessant wäre gewesen, in einer gemeinsamen Ausstellung
Teile der Sammlung von Hugo Bernatzik wie Gefäße, Figuren, Masken, Kultgegenstände
und auch Zeichnungen und Skizzenbücher von Emmi Bernatzik miteinzubinden.
Inwieweit Stücke der Sammlung noch im Besitz der jüngsten Tochter Dorsi Byer sind
oder inzwischen bei Kevin Kanru in Brüssel entzieht sich meiner Kenntnis.

Wer im Besitz von Originalzeichnungen der Anne-Marie Trechslin sein könnte
konnte ich bisher trotz aufwendiger Recherchen nicht in Erfahrung bringen.
Ihr Cousin Fritz Trechslin konnte mir aber viel über die Künstlerin erzählen. Danke!

Meine Sehnsuchtsorte sind die Insel Orango Grande bei den Bidyogos in Westafrika
oder das Dorf Niambalan bei den Bayot nördlich des Rio Cacheu
oder das Dorf Suzana bei den Fulup im westlichen Grenzgebiet zu Gambia
oder das Dorf Mamako auf Owa Riki – eine der Salomon Inseln
aber wahrscheinlich bleiben es nur die eigenen vier Wände in meinem Atelier …

Edgar Leissing, November 2014

VogelkundlerErdenschwere

Das Gewicht eines Sperlings

Es gibt eine sehr alte Geschichte, die besagt, dass es im Himmel (um genau zu sein im „Siebten Himmel“) eine „Halle der Seelen“ gibt. Diese Halle wird im rabbinischen Schrifttum als „Goch“ oder „Guf“ bezeichnet, hebräisch für „Körper“, gelegentlich aber auch als „Otzar“, was soviel wie Schatzhaus bedeutet. Einer anderen jüdischen Überlieferung zufolge wird vom „Goch“ auch als von einem Kolumbarium (Taubenschlag) gesprochen. In dieser Halle sollen sich all jene Seelen der Menschen befinden, die noch geboren werden. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass Gott alle Menschenseelen auf einmal erschaffen hat. Die Seelen werden im „Goch“ aufbewahrt und vereinigen sich nach und nach mit den Körpern. Immer wenn ein Kind geboren wird, erhält es von dort seine Seele. Der Talmud erzählt uns, dass es die Sperlinge (Spatzen) sind, die den Neugeborenen aus der Halle „Goch“ ihre Seele bringen. Und wenn die Seele die Halle verlässt und auf die Erde kommt, so können diese Seelen wiederum nur die Sperlinge sehen, und dann, so heißt es, singen sie! Jedes Mal wenn ein Kind geboren wird, hört man irgendwo auf der Erde einen Sperling singen. Die Sperlinge hören erst auf zu singen, wenn keine einzige Seele mehr im „Goch“ ist, wenn irgendwann, aus welchem Grund auch immer, die Halle der Seelen leer ist und alle Seelen „aufgebraucht“ sind. Dann würden die Menschen die Mutter Erde so geschändet haben, dass die Mutter ihre Kinder von dannen jagt. Ein apokalyptisches Szenario im Vergleich zu der wunderschönen ätiologischen Geschichte mit der „Halle der Seelen“ (zur Erinnerung: Vögel fielen tot vom Himmel, als am 10. Juli 1976 im norditalienischen Seveso „nur“ zwei Kilogramm hochgiftiges Dioxin aus einer Chemiefabrik entwich. Ganz zu schweigen von dem Tankerunglück der Exxon Valdez, bei dem hundert tausen – de Vögel und Fische verendeten und die Atomkatastrophe in Tschernobyl).

Es gibt in den Collationes (Gesprächen) des Johannes Cassianus, ein Mönch und sogenannter „Wüstenvater“, Abt und Schriftsteller, der im 1. Jh.n. Chr. gelebt hat, eine reizende Legende. beschreibt darin, wie der alternde Apostel und Evangelist Johannes auf der Insel Patmos – die Kirche schreibt diesem das Buch der Offenbarung, die Apokalypse, zu – mit einem Rebhuhn spielte, und darüber in einer karolingischen Fassung das hübsche Wort geschrieben steht: „So schaut mir doch, wie dieser alte Mann gleich einem Jungen mit einem Vögelchen spielt!“

Unweigerlich fiel mir diese Geschichte ein, als ich die hier gezeigten Bilder von Edgar Leissing zum ersten Mal sah. Diese scheinbare Leichtigkeit, mit der er seine Figuren bestückt, mit einer barfüßigen Schwere eines scheinbar statischen Lebens, das nie wirklich den Boden berührt und vielleicht auch nie wirklich schweben will. Aggregierte Zustände. Geerdet und doch keine Verortung. Lost in time and lost in space. Kein Raum, nirgends, um die Figuren seiner Begierde festzumachen. Unvertäut liegen sie wie Boote am Kai und doch treibt sie nicht eine Sehnsucht nach der unendlichen Ferne. Nichts scheint fehl am Platz. Findlinge, wie von einem Gletscher vor langer Zeit abgelegt. Edgar Leissing versteht es, immer wieder aufs Neue, die gespannteSchärfe seines Geistes zu lockern … dadurch, dass er sich der spielerischen Selbstvergessenheit eines Kindes anvertraut. Wenn der Bleistift- oder Pinselstrich dem Geist verfügbar und schmiegsam geworden ist, wenn das Sichtbare zum Ausdruck einer inneren Fülle geworden ist und in sich selber ruht, dann blitzt, kaum wahrnehmbar, die schwebende Eleganz des „Könnens“ auf.

Eines habe ich allerdings noch vorenthalten: Stirbt ein Mensch, so kehrt seine Seele wieder in die „Halle der Seelen“ zurück. „Es heißt, wir alle verlieren 21 Gramm genau in dem Moment, in dem wir sterben. Jeder von uns. 21 Gramm. Das Gewicht von fünf 5-Cent-Münzen. Eines Schokoriegels.“ Oder sechs Aspirin-Tabletten. Ein Zehntel des Inhalts einer Tube Lustenauer Senf … oder das Gewicht einer Bachstelze, einer Kohlmeise oder … eines Sperlings.

Thomas Schiretz, November 2011